„Wir Trümmerkinder“: Für die Dokumentation entstehen passend zu den Geschichten der prominenten Protagonisten vollanimierte Sequenzen, die deren Erinnerungen auf eindringliche Art und Weise abbilden. Hier ist ein Beispiel abgebildet.
Foto: ZDF/Samson Götze

Auch Filmstars erlebten als Kinder zum Kriegsende dramatische Situationen. Mario Adorf meldete als Hitlerjunge seinem Anführer im Eifeldorf aufgeregt die Ankunft amerikanischer Truppen – doch der schickte den 15-jährigen samt Volkssturm einfach nach Hause. Ingrid van Bergen wurde mit 13 auf der Flucht in Polen nachts von einem russischen Soldaten vergewaltigt – und verschwieg die Tortur ihrer Mutter.

Michael Degen versteckte sich mit seiner Mutter in einer Berliner Laubenkolonie vor den Nazis und spielte nach der Befreiung mit Kumpels in den Trümmern. Einer trat dabei auf eine Mine – und verblutete auf dem Weg ins Krankenhaus auf dem Rücken des halbwüchsigen Michael Degen. Vera von Lehndorff wurde nach Kriegsende von der Lehrerin als Kind von „Mördern“ bloßgestellt – ihr Vater war am Attentat auf Hitler beteiligt.

Das ZDF hat acht prominente Schauspieler zu ihren Erlebnissen vor 75 Jahren befragt. Die Erinnerungen besitzen ein hohes Identifikationspotential. Flucht, Vertreibung, Hunger oder das Fehlen der Väter prägten nicht nur die Biografien der Brüder Fritz und Elmar Wepper oder von Eva-Maria Hagen. Ob man die Jahrgänge 1930 bis 1945 aber zu einer Generation der „Trümmerkinder“ zusammenfassen kann, ist eher fraglich. Denn Mario Adorf erlebte das Kriegsende schon ganz anders als Winfried Glatzeder, der im April 1945 erst geboren wurde.

Geglückt wirkt diesmal die Verbindung der Interviews mit den Dokumentarbildern jener Jahre. Als verbindendes Element werden nämlich nicht, wie sonst beim ZDF, die Erlebnisse nachgespielt, was meist laienhaft oder peinlich aussah. Viel besser erfüllen diese Funktion die eingestreuten Animationen im Stile von Graphic Novels, die gar nicht erst versuchen, möglichst „echt“ auszusehen, sondern dem Charakter von Erinnerungen angemessener sind. Ebenso lebendig wirken die Zitate aus ersten Filmen der Befragten. So ist Fritz Wepper im Antikriegsdrama „Die Brücke“ zu sehen, Eva-Maria Hagen spielt im DEFA-Lustspiel „Vergesst mir meine Traudl nicht“ quasi ihre eigene Jugend.

Weniger gelungen ist das Verhältnis zwischen den Erinnerungen der acht Schauspieler und dem Einordnen in das historische Umfeld der Nachkriegszeit. Während von manchen Interviews nur wenige Sätze übrig blieben, verbreitet die Doku viel zu viel selbstverständliches Basiswissen – das aber in einem Ton, als ob sie etwas grundlegend Neues verkündet. Für den Einsatz im Schulunterricht mag das angehen, die allermeisten ZDF-Zuschauer dürfte es unterfordern. Das ARD-Pendant „Kinder des Kriegs“, das Anfang Mai lief und ohne Prominente auskam, blieb insgesamt wesentlich fokussierter und eindringlicher.

Richtig ärgerlich aber ist, dass die ZDF-Doku gar nicht, wie annonciert, eine Neuproduktion ist. Neu sind nämlich lediglich der Titel und die Montage – alle Interviews, Dokumentarbilder und Animationen von „Wir Trümmerkinder“ steckten schon in der Doku „Wir Nachkriegskinder“, die 2016 im Umfeld des ZDF-Mehrteilers „Kudamm 56“ lief. Diese Methode des Neuverschneidens und Umbenennens hat durchaus Tradition bei den Zeitgeschichtlern vom ZDF. In der neuen Zusammenstellung fielen einige Interviews heraus, so die Erinnerungen von Wibke Bruns – sie starb 2019. Auch die Rückblicke von Marie-Luise Marjan und Peter Sodann sind nicht mehr dabei. Zudem haben es die Macher nicht geschafft, Detailfehler der 2016er-Doku auszumerzen. So erinnert sich Eva-Maria Hagen an ein Kinderheim auf Berlin-Stralau. Gezeigt werden aber die Waisenhäuser in Rummelsburg - auf der anderen Seite der Bucht.

Wir Trümmerkinder – Zeit der Hoffnung, Die, 20.10., 20.15 Uhr, ZDF