FrankfurtMein Bruder verkündete am vergangenen Mittwoch: „Wenn er nochmal gewählt wird, verlasse ich das Land.“ Seit über 25 Jahren lebt er in den Vereinigten Staaten, ist ein Yale-Absolvent und nach 20 Jahren Lebens-und Wohnsitz im Big Apple lebt er, arbeitsbedingt versetzt, mit seiner Frau und zwei Söhnen in North Carolina neben einem Nachbarn, der ihm die Härte und Realität aller Single-Issue- Voter wahrhaben lässt: Thomas (Name von der Redaktion geändert) hat Trump vor vier Jahren gewählt und hat ihn just wieder gewählt, weil ihm der Schutz ungeborenen Lebens als die wichtigste Aufgabe eines Präsidenten erscheint. 

Wenn mein Bruder ihn mit der Frage nach Sozialleistungen für alldiejenigen anspricht, die durch ungewollte Schwangerschaften später mit Kindern ins soziale Abseits geraten, sagt Richard, dass das Wichtige sei: eine Lobby für das Ungeborene zu bereiten, so würde es Jesus wollen. Solidarität mit dem kleinen Kind, das tatsächlich auf der Welt ist, wäre dann die Sache anderer; derer, die Kinder mögen. 

Natürlich trägt Thomas ein Armband mit den Lettern W.W.J.D. („What would Jesus do?“), das ihn als einen ausweist, der vor seinen Entscheidungen seinen Herrn Jesus befragt. Mein Bruder mag seinen Nachbarn, er ist freundlich und hilfsbereit, nur hält er ihn für religiös-verblendet. Sie halten sich gewöhnlich an die unausgesprochenen Regeln, an die sich auch die meisten meiner Kontakte in den USA halten, also bei Diskussionen Politik und Geld aus dem Spiel zu lassen. Unbedingt.

Foto: Judith Kinitz
Nora Gomringer

Nora Gomringer wurde 1980 in Neunkirchen/Saar geboren. Sie hat Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte studiert, ist Autorin und Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg. 2019 war sie die 50. Poetikprofessorin am Oberlin College in Ohio.

Ein Graben unbekannter Tiefe

Der Slogan „What Would Jesus Do“ war mir als 17-jährige Gastschülerin in Pennsylvania zum ersten Mal über die Lippen gekommen, als ich dieselben Lettern auf dem Collegeblock einer Mitschülerin nachsprach und mich nach der Bedeutung erkundigte.

Alle dort in der 12. Klasse wirkten reif auf mich. Fast alle tranken Alkohol, obwohl es ihnen noch verboten war, alle fuhren Autos und hatten Jobs neben der Schule und viele hatten Sex. Im Rückblick ahne ich, dass viel gelogen, gezwungen und gehasst wurde zwischen den wunderschönen Feldern Pennsylvanias in Lancaster – Amish! – County. Nirgendwo hatte ich – paradoxerweise – glücklichere Schultage. Ich ging gerne zur Schule, war begeistert von der Möglichkeit, in der üppigen Schulbücherei zu arbeiten, meine Fächer nach Gusto zusammenzustellen und Theater zu spielen mit der Aussicht auf eine Zukunft in diesem Fach.

So viel Lob, ehrliche Ermutigung und so viel Verständnis für meine akademischen Leidenschaften habe ich nie mehr erfahren. Ich habe als eine der Besten meiner Abschlussklasse graduiert, warf meine Kappe mit allen in die Höhe, wollte in den USA bleiben und studieren.

Ich war nach 11 Monaten sehr eindeutig amerikanisiert, war fett und fromm geworden, denn neben ein paar Arbeiten im Haushalt war der Kirchgang am Sonntag ein absolutes Muss in meiner Gastfamilie: ein Vietnamveteran und eine Verwaltungsangestellte des Landkreises, die beide schon fast 60 waren, als ich zu ihnen kam und die ich heute noch liebe und besuche. Durch diese Familie – die beiden haben fünf Kinder, die allesamt in ihren späten 50ern sind – verläuft, mittlerweile durch die Generation der Enkel hervorgerufen, ein Graben bis dato ungekannter Tiefe.

Die Spirale dreht sich unerbittlich

Zwar sind die Enkel international reisende Missionare unterschiedlicher christlich-konservativer Kirchen, aber trotzdem sind sie für ein Ende der vehement von Trumps Anhängern als gerechtfertigt verteidigten Zwietracht, die der Präsident seit Jahren säht. Das sei Jovialität, das sei Unverstelltheit, das sei „eben Donald“ –  unverkennbar, heißt es zur Verteidigung des Noch-Präsidenten. Die politische Kultur hat – getragen und befeuert durch alle Arten von Medien – aus einer Not des Entschuldigens der Fehltritte des Präsidenten ein Spinning jedes potenziell negativen Urteils über ihn erwirkt.

Er benimmt sich wie ein Trampel beim Auslandsbesuchen, erhebt dies gar zum Ausdruck amerikanischer Stärke und kann es für sich nutzen. Das Fett der Näpfe, in die er in den ersten Jahren seiner Präsidentschaft tritt, nutzt er und schmiert damit seine Anhänger ein. Von der New York Times belächelt, von internationalen Medien verlacht, wird er beobachtet wie ein „trainwreck – bound to happen“, also ein unvermeidbares Zugunglück. Grässlich und doch – wer sähe weg? Und man rollt arrogant die Augen über seine neuesten Dämlichkeiten, wie man es lange (und fast gerne) über Berlusconi tat. Seine Anhänger scheint es nicht zu stören.

Amerika findet in ihnen statt. Für Trumps Anhänger ist Amerika eine geschlossene weiße Gesellschaft, eine Geisteshaltung – endlich mal wieder! – und nicht unbedingt ein Ort, den man sich mit vielen Nicht-Weißen teilen muss. Trumps Anhänger scheinen sich an der Filmfamilie Griswald zu orientieren, die einen Urlaub in Europa macht und deren Familienvater, gespielt von Comedy-Legende Chevy Chase, auch alles haarsträubend verbockt. Trump gibt dem Typus Amerikaner, mit dem er persönlich wohl nie in einem Bus fahren, an einem Tisch essen würde – noli me tangere!

Wo ist die Einheit hin?

Die USA sind ein Land, in dem man Zahnzement bei Wallmart-Apotheken kaufen kann, weil Leute, statt zum Zahnarzt zu gehen, tatsächlich selbst an ihren Zähnen operieren, weil das Geld fehlt und sie nicht versichert sind. Das sorgt für ein Gefühl der Rückständigkeit, des Kontrollverlustes bei gleichzeitigem und vielzüngigem Giganten-Ruf in der Welt, die eben doch größer und weiter und bunter geworden ist, seit das Internet und Lettern wie LGBTQ in der Sesamstraße erklärt werden.

Wo ist die einstmals von Amerikanern beschworene Einheit hin? Eine Einheit, die sie in Symbolen wie der immer-präsenten Flagge, dem Weißkopfadler, ihrer Hymne und dem Bekenntnis zum „Erst einmal Amerikaner sein, alles andere später“ bekräftigten. Trump hat diese Symbole wie Vorzeichen zu einer Symphonie des Grauens umgemünzt. Er sendet widersprechende Signale, twittert und lässt damit alle Würde des Amtes fahren.

Die US-Amerikaner sind polarisiert und – das sieht man an den zum Teil haarfeinen Ergebnissen der Stimmenauszählungen – in der Mitte entzweit. Manche tappen den alten Symbolen hinterher, egal in wessen Hand sie geschwenkt werden. Andere müssen sich neue erschließen, erstarken in dem Gedanken, im Präsidenten den Feind ihrer demokratischen Grundordnung zu verstehen. Hätte er etwas zu verbergen, würde er es verbergen, denken seine Fans und ahnen nicht, dass er sie bei aller scheinbaren Offenheit tatsächlich betrügt.

Wer will schon ein gerechtes Gesundheitssystem?

Meine bolivianisch-amerikanischen Verwandten sind Einwanderer der ersten und zweiten Generation, sind vollkommen assimiliert und als Handwerker erfolgreiche Geschäftsleute. Auch sie wählen Trump in Kalifornien, weil die Steuern niedrig bleiben sollen, die Schulen okay sind und das Business boomt. Reiche Leute in Hollywood bauen oder renovieren gerade – insbesondere in Corona-Zeiten. An der Einstellung vieler Immigranten zeigt sich, dass die Erfahrung von Flucht, Einbürgerung und erkämpfter kultureller Teilhabe als so hart und unerbittlich verschlossen und persönlich traumatisierend erfahren wird, dass für alle Nachkommenden das Privileg des Nachzugs nicht gewährleistet werden soll. 

Immigrant sein ist harte Schule, die soll niemandem erspart bleiben, sagen die, die durch diese Schule gehen mussten und sie überlebt haben. Wer will nach den eigenen Härten schon die Schulen anderer Leute mitfinanzieren oder die ungewollten Babys von genauso ungewollten Teenagermüttern oder ein für alle gerechteres Gesundheitssystem? Unbekannt ist diese Haltung nicht. Europa kennt sie wohl.

Gibt es trotzdem Hoffnung, im Licht der Wahl, die Joe Biden für sich entscheiden konnte? Ich erinnere mich, dass John McCain 2008 eine beeindruckende Rede zur Ankündigung der Präsidentschaft Barack Obamas hielt. Er sprach zu seinen enttäuschten Wählern von der einigenden Kraft, die sein Gegner Obama in das Amt bringen würde und der von beiden Männern geteilten Hingabe für Land und Wählerinnen und Wähler. Es gab damals sogar Zwischenapplaus für diese elegante und bewegende Rede.

Joe Biden sieht sich einem bis an die Zähne privat bewaffneten Amerika gegenüber, wird ohne Zweifel einer der best zu schützenden Bürger seines Landes sein müssen, bis er eingeschworen werden kann. Ob er überhaupt etwas bewirken wird in einem Land, in dem sich zwei Parteien derart unversöhnlich gegenüberstehen und Entscheidungen im Senat wohlmöglich folgenschwer blockiert werden, wird sich zeigen. Große Hoffnung setze ich auf die „zweite Reihe“ – gut gefüllt mit charismatischen Politikerinnen, die mit ihrer Herkunftsvielfalt tatsächlich dieses multikulturelle, atemberaubend schöne, auf Krawall gebürstete Land repräsentieren. 

Nora Gomringer lebt in Bamberg. Hätte man sie mit 20 gefragt, wo sie leben wollte, hätte sie sofort und ohne Umschweife geantwortet: in den USA. Heute, 20 Jahre später, nicht mehr.