BerlinWer die Wahlnacht beim amerikanischen Fernsehsender Fox News mitverfolgt hat, durfte eine kleine Überraschung erleben. Die Medienmacht, die für ihre Nähe, ja man könnte sagen: für ihre Liebe, zum US-Präsidenten Donald Trump bekannt ist, hat sich von ihrer seriösen Seite gezeigt. Die Moderatoren wie etwa Dana Perino haben in der Wahlnacht kritisch über die Hochrechnungen berichtet, mathematisch fundierte Analysen geliefert, die Lage objektiv eingeschätzt und den Wahlabend unparteiisch begleitet. So unparteiisch, dass sich am nächsten Tag auch deutsche Medienmacher stark darüber wunderten, wo denn der populistische Trump-Ton abgeblieben sei, den der Fernsehsender nun schon seit mehreren Jahren pflegt.

Besonders verwunderlich war die Entscheidung des Datenteams von Fox News, den Bundesstaat Arizona früh den Demokraten zuzurechnen, obwohl in der Wahlnacht erst knapp 73 Prozent der Stimmen ausgezählt waren. Am Freitagmorgen noch war selbst auf der Seite der liberalen „New York Times“ der Bundesstaat Arizona immer noch als Wackelkandidat verzeichnet, was die Irritationen gegenüber Fox News nochmals verstärkt hat, besonders bei republikanischen Wählern.

Trumps Schwiegersohn Jared Kushner soll bei Fox-News-Besitzer Rupert Murdoch persönlich angerufen und sich beschwert haben. Die Redaktionsleitung von Fox News sah sich sogar dazu veranlasst, den Datenchef Arnon Mishkin ins Programm zu holen, ihn über die Arizona-Entscheidung zu befragen und sie live rechtfertigen zu lassen. Mishkin tat nichts anderes, als Fakten zusammenzuzählen: Er berief sich auf die Datenlage und gab nackte Statistiken wieder. In Wahrheit ist es nämlich so, dass die übrig gebliebenen Wahlzettel aus stark demokratisch geprägten Wahlregionen stammen. Ein Sieg Trumps in Arizona gilt daher als extrem unwahrscheinlich. Die sehr frühe Entscheidung der Chefredaktion von Fox News, Arizona den Demokraten zuzurechnen, ist daher rational fundiert – und trotzdem nicht unumstritten. Selbst unparteiische Prognostiker wie der Wahlforscher Nate Silver kritisierten die Entscheidung, Arizona so früh für demokratisch zu erklären.

Falschaussagen gibt es bei Fox News immer noch

Könnte es nun sein, dass Fox News aktuell seinen Kurs wechselt? Auch das ist eher unwahrscheinlich. Vielmehr ist es so, dass in der Redaktion ein Richtungsstreit ausgebrochen ist. Die Grechtenfrage lautet: „Wie weit darf man dem Präsidenten hörig sein, wenn seine Stunden langsam gezählt sein dürften?“ Am Donnerstag wurde der Ton von Fox News wieder schärfer. In der Gesprächsrunde „The Five“ raunte Fernsehkommentator Greg Gutfeld nach altem erzkonservativem Muster, dass Wahlfälschungen durch die Demokraten offensichtlich seien und alle Republikaner jetzt Widerstand leisten müssten.

Gesagt, getan. Nicht ganz zufällig formierten sich am Donnertag vor den Wahlzentren in Arizona und Pennsylvania Trump-Anhänger, die entweder die Zählungen beobachten oder sie gar stoppen wollten. Dabei konnte bislang niemand belegen, dass es zu Wahlfälschungen gekommen wäre. Reine Spekulationen und Mutmaßungen, wie etwa die durch den Trump-Anwalt Rudolph Giuliani betriebene, wonach in den Swing-States Tausende gefälschte Wahlzettel im Umkreis seien, dürften rechtlich keine Grundlage haben.

Ein hoher Preis

Falschinformationen finden bei Fox News also immer noch ihren Platz. Doch die kritischen Stimmen sind deutlich hörbar. Der wachsende Widerstand gegenüber Trump zeigt, dass im konservativen Milieu in den USA trotz der gesellschaftlichen Spaltung noch ein Rest an Würde übrig geblieben ist. Das hat sich auch in den Reaktionen nach der bizarren Rede gezeigt, die Donald Trump kurz nach der Schließung der Wahllokale gegeben hat. Wie nun hinlänglich beschrieben wurde, hat sich Trump verfrüht zum Sieger erklärt und die Mutmaßung geäußert, dass ein paar „böse Menschen“ ihm den Wahlsieg rauben wollten. Fox News war zu diesem Zeitpunkt mitgemeint. Donald Trumps Wut und auch diejenige seines Sohnes Eric Trump, der sich am Mittwochabend ähnlich aggressiv zu Wort melden sollte, schien authentisch zu sein. Mit der Wahrheit hatten die Proteste trotzdem nur wenig zu tun.

Trumps Rede war mal wieder ein Beweis seines Umgangs mit Sprache, die einen pejorativen Charakter hat: Hauptsache behaupten. Trump stellt etwas fest, auch wenn es falsch ist, mit dem Wissen, dass die Sätze im Gedächtnis seiner Wähler hängen bleiben und sie zu Taten motivieren. Schon der Philosoph John L. Austin zeigte in seinem Standardwerk „How to do things with words“, wie Sprechakte, allein wenn sie im Raum stehen, die Welt verändern können – mögen sie nun wahr sein oder nicht. Trump macht von dieser Funktionslogik wie kein Zweiter Gebrauch. Mit seiner Siegesrede ist er nun aber augenscheinlich zu weit gegangen. Selbst seine Unterstützer protestieren und reagieren verstört, wie etwa der Podcaster Ben Shapiro, der als bekennender Trump-Unterstützer die Panikmache des Präsidenten nach den Wahlen scharf kritisiert hat. Wäre der Preis nicht so hoch, könnte man das Entsetzen innerhalb der Konservativen fast schon als positive Entwicklung werten.