Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf 2003 zu Gast in der Radiosendung Lauschangriff Klubbing
Foto: imago images/Sven Simon

BerlinVor zehn Jahren ist der Jugendroman „Tschick“ erschienen. Die Entstehungsgeschichte erzählt der Autor Wolfgang Herrndorf in einem FAZ-Interview mit seiner Freundin und Korrektorin Kathrin Passig so: „Ich habe um 2004 herum die Bücher meiner Kindheit und Jugend noch mal wiedergelesen … Und dabei habe ich festgestellt, dass alle Lieblingsbücher drei Gemeinsamkeiten hatten: schnelle Eliminierung der erwachsenen Bezugspersonen, große Reise, großes Wasser. Ich habe überlegt, wie man diese drei Dinge in einem halbwegs realistischen Jugendroman unterbringen könnte. Mit dem Floß die Elbe runter schien mir lächerlich; in der Bundesrepublik des 21. Jahrhunderts als Ausreißer auf einem Schiff anheuern: Quark. Nur mit dem Auto fiel mir was ein. Zwei Jungs klauen ein Auto. Da fehlte zwar das Wasser, aber den Plot hatte ich in wenigen Minuten in meinem Kopf zusammen.“

In wenigen Minuten also. Und auf einmal hatte der in bescheidenen Verhältnissen lebende Herrndorf „Geld wie Heu“. Das Buch wurde über drei Millionen Mal verkauft, in 36 Ländern. Es war in seiner Bühnenfassung jahrelang das meistgespielte Stück auf deutschsprachigen Bühnen, und Fatih Akin hat den Stoff verfilmt. Diverse Lektüreschlüssel, Schülerarbeitshefte sowie Interpretationshilfen sind erschienen und also wohl auch Tausende von Aufsätzen abgeliefert worden. Man würde gern die Meinung des vor sieben Jahren gestorbenen Herrndorf dazu hören.

Heute nun legt der Rowohlt-Verlag, der zu den Einnahmen, die er dem Bestseller verdankt, schweigt, eine bibliophile Jubiläumsausgabe nach – muss man natürlich haben. Enthalten sind neben dem Roman Hintergrundtexte von Marcus Gärtner und Tobias Rüther sowie eine Szene, die Wolfgang Herrndorf aus dem Romanmanuskript gestrichen hatte. Wir kennen sie schon aus seinem Blog „Arbeit und Struktur“. Flankiert wird die Veröffentlichung von einem E-Book-Interviewbändchen mit dem Titel „Wann hat es Tschick gemacht?“, aus dem auch das Eingangszitat stammt.

Die gestrichene Szene spielt im Deutschunterricht bei Lehrer Kaltwasser. Unser längst als Freund in die Biografie eingewachsene Erzählerheld, der 15-jährige Maik Klingenberg, hat vergessen, ein Gedicht zu schreiben. Er eilt zur Toilette, um noch schnell eines zusammenzuschmieden. Zu beachten ist das, was Kaltwasser als Definition für Lyrik ausgegeben hat: Sie sei „die Sprache der Gefühle“. Also kann es nur um Tatjana gehen. Und nach einem kleinen, für wahre Künstler obligaten Sinnkrisenkampf („Wenn man über Liebe und so was schreiben will, sollte man wahrscheinlich schon länger darüber nachdenken als fünf Minuten auf dem Schulklo“) ist das im Folgenden zitierte, pragmatisch unterfütterte Meisterwerk herausgekommen. In zwei haikuesken Strophen ballen sich romantischer Liebesdrang, adoleszenter Selbstzweifel, Rebellion und ein lakonisches Memento mori zusammen: „Ich liebe dich./ Und ganz egal./ Der Winter kommt./ Ein warmer Schal/ Ist besser als ein kalter./ Ich bin zu hässlich für mein Alter./ Du bist zu schön./ Und das vergeht./ Das ist nicht neu./ Nichts bleibt, nichts steht./ Ein Lada steht im Parkverbot./ In hundert Jahren sind wir tot.“ Parkverbot! Was für eine schöne Chiffre für den alles mit sich reißenden Strom des Lebens und des Sterbens.

Bei mir im Regal stehen schon zwei „Tschicks“. Ein Leseexemplar, das mir zur Besprechung ausgehändigt wurde, und eines, das meine Tochter vor zwei Jahren für die Schule angeschafft hat. Ich bin in ihrem Ansehen gestiegen, als sie auf dem Schultaschenbuch ein Zitat von mir fand. Dabei habe ich mich im Nachhinein gefragt, warum ich dieses Buch vor zehn Jahren in einer etwas kühl geratenen, kleinen Randspalten-Eloge abhandelte und von einem Welterfolg so gar nichts ahnte. Ich fand es sogar ein bisschen übertrieben, wie Gustav Seibt es in der Süddeutschen Zeitung ganz oben in die Literaturgeschichte einhängte, als ein zeitgenössisches Erzählwunder in der Tradition der Romantik.

„Es könnte auch am Buch liegen“

Das stimmt natürlich, aber auch Seibt, der seine Rezension mit einer ausdrücklichen Kauf- und Schenkempfehlung abschloss, wird wohl kaum allein dafür verantwortlich zu machen sein, dass dieses Buch ein derartiger Erfolg wurde. Selbst für den Autor Wolfgang Herrndorf war es ein Rätsel, wie er 2011 in jenem Passig-Interview erzählte: „Das kann ich mir auch nicht erklären, woran das liegt. Buchhandel, Werbung, Rezensionen – keine Ahnung. Mein Lektor warf neulich die Theorie ein: ,Es könnte auch am Buch liegen‘. Aber ich bin vom Literaturbetrieb so gründlich durchdesillusioniert, dass ich das nicht glaube.“ Da war der Erfolg auch noch lange nicht in diese Dimensionen, die er heute angenommen hat, vorgedrungen.

Dafür drehte sich der Lebenslauf des Autors. Ihm wurde im selben Jahr ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert. Nicht einmal drei Jahre nach Erscheinen seines Bestsellers waren die Symptome so unerträglich und die Prognosen auf den weiteren Krankheitsverlauf derart niederschmetternd, dass er sich am 26. August 2013 im Alter von 48 Jahren das Leben nahm. In diesen drei Jahren war er hochproduktiv. Er schrieb unter anderem den Roman „Sand“, ein böses, fast schon sadistisches Spiel mit dem Thriller-Genre mit brutal klischiertem Personal, das sich zappelnd in ein wütig zerfasertes Handlungsgeflecht verknotet. Lustig, aber verzweifelt lustig. Von anderer Wucht war sein später als Buch veröffentlichter Blog „Arbeit & Struktur“, in dem Herrndorf tageweise das Fortschreiten seiner Krankheit protokollierte, mit seinen Ängsten und Gedanken – auch mit seinem unversöhnlichen Humor.

Herrndorf, der sehr böse über die Literaturkritik, über Gegenwartsautoren, aber am bösesten vielleicht über sich selbst spotten konnte, würde es quälen, wenn man den Erfolg von „Tschick“ auf sein persönliches Schicksal zurückführen würde. Nein, so unwahrscheinlich es nach Herrndorfs vielleicht auch koketter Ansicht sein mag, jede andere Behauptung wäre eine Frechheit: Natürlich ist allein das Buch der Grund für diesen Erfolg.

Was wir dem Tumor allerdings zu verdanken haben, ist ein Schaffensbooster. Herrndorf musste seine ins Masochistische ragenden Selbstzweifel in den Wind schießen, wenn er noch etwas von seinen Werken, die in der Schublade oder in der Konzeption steckten, hinterlassen wollte. Und er wollte nur Fertiges hinterlassen. Er, der Kunst studiert hatte und erst später auf die Literatur kam, zerstörte Teile seines bildnerischen Werks in der Badewanne und verfügte testamentarisch, dass man keine literarischen Fragmente veröffentlichen dürfe. Zum Glück machte er für den unfertigen Roman „Bilder deiner großen Liebe“ noch eine Ausnahme. Es wäre schön gewesen, wenn dieser Text Eingang in die „Tschick“-Jubiläumsausgabe gefunden hätte, denn die Begegnung der beiden Tschick-Helden mit dem verrückten Müllmädchen Isa findet in diesem, dem Tod abgerungenen, spröden und tief einschneidenden Text einen dunklen, lebenssatten Spiegel. Aber auch so begrüßen wir die Neuausgabe herzlich. Es scheint, als würden Herrndorfs Texte weiter wachsen. Das ist kein kleiner Trost.

Wolfgang Herrndorf: „Tschick“, erweiterte Neuausgabe, Rowohlt-Verlag, Hamburg 2020, 272 Seiten, 20 Euro

Wolfgang Herrndorf: „Wann hat es Tschick gemacht? Gespräche und Interviews“, Rowohlt-Verlag, Hamburg, E-Book, ca. 55 Seiten, 1,99 Euro