Berlin - Vielleicht sollte man das Format generell mal einführen: Fernsehdiplomatie. Statt all diesen Telefonaten zwischen Kanzlerämtern und Präsidentenpalästen, den Staatsbesuchen mit Gesprächen hinter verschlossenen Türen, statt Minister per Polizeieskorte aus dem Land zu schicken oder gar nicht erst hineinzulassen wie gerade in den Niederlanden - hinein mit zwei Regierungsvertretern in ein TV-Studio.

Die deutsche und die türkische Regierung haben das gerade versucht, beide haben zwei Herren zur ARD geschickt, die sehr freundlich lächeln und verbindlich nicken können: Peter Altmaier, der deutsche Kanzleramtsminister, und Akif Çağatay Kılıç, der in Deutschland geborene türkische Sportminister, trafen sich also auf beigefarbenen Sesseln unter Aufsicht von Anne Will, um über die Frage zu diskutieren: „Welcher Weg führt aus der Krise mit der Türkei?“

Was man danach feststellen kann ist: Dieser Weg wird kein leichter sein. Dabei fängt es so gut an. Altmaier und Kılıç betonen beide das Interesse ihrer Länder an gegenseitigen guten Beziehungen und daran offen reden zu können. Beide sprechen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit.

Begriffe sind noch keine Inhalte

Aber Begriffe sind noch keine Inhalte. Und es geht dann auch gleich los mit den Schwierigkeiten: Altmaier kritisiert, dass der türkische Staatspräsident Reep Tayyip Erdogan Deutschland Nazi-Methoden vorgeworfen hat. Kılıç sagt, wenn Veranstaltungen türkischer Politiker hierzulande abgesagt würden oder wie in den Niederlanden von der Polizei verhindert würden, sei dies „nicht mit europäischen Werten vereinbar“.

Zur Erinnerung: Basis der Auseinandersetzung ist das Präsidialsystem, das Erdogan über eine Volksabstimmung im April einführen wird. Es wird die Türkei auch nach Ansicht des Europa-Rats in eine Diktatur verwandeln, schon jetzt ist es um die Presse- und Meinungsfreiheit im Land schlecht gestellt.

Man könnte jetzt darüber sprechen, was mit europäischen Werten nicht vereinbar sei, aber den Systemumbau gibt es erst zum Schluss der Sendung ein paar Minuten. Es geht erst einmal lange ums deutsche Versammlungsrecht und um Brandschutzauflagen. Kılıç drückt sich um die Frage, ob er Deutschland wirklich als faschistisch bezeichnen möchte, und bringt auch noch alles mögliche andere an: Das Titelblatt des „Spiegel“ mit einem martialischen Erdogan, erschienen wenige Wochen nach dem versuchten Militärputsch. „Denken Sie, dass das gut ankommt?“, fragt der türkische Minister.

Grundkurs zum Thema Pressefreiheit

Altmaier versucht es mit einem Grundkurs zum Thema Pressefreiheit: „Die Presse schreibt das, was sie möchte und nicht das, was die Regierung vorschreibt.“ Er spricht Verhaftungen von Oppositionellen und Journalisten an. In keinem anderen europäischen Land seien so viele Journalisten inhaftiert wie in der Türkei. Er sagt, bis heute habe die Türkei keine Beweise gegen den deutschen Reporter Deniz Yücel vorgelegt, der ebenfalls in Haft sitzt. Dass eine Regierung es nun mal aushalten müsse, wenn sie kritisiert werde. Und dass, wenn sie das nicht tue, einfach nicht besonders gut und demokratisch wirke. „Es ist im Interesse der Türkei, das jedermann sehen kann, dass Rechtsstaatlichkeit eingehalten werden kann.“ Es ist ein wenig wie bei der„Sendung mit der Maus“ - mit der Frage: Demokratie, wie geht das eigentlich?

„Die Türkei hat eine sehr langjährige demokratische Kultur“, sagt Altmaier, damit der Zeigefinger nicht allzu groß wird. Er kleidet seinen Appell als Hoffnung ein: Er sei überzeugt, „dass die Demokratie in der Türkei sehr sehr stark ist, und dass sie auf Dauer nicht abgeschafft werden kann.“ Das kann man auch als Hoffnung auf einen Misserfolg Erdogans lesen.

Kılıç tut das offenkundig nicht. Er lächelt zufrieden. Kritik, findet er, sei ja auch wirklich nicht angemessen. Die türkischen Gerichte entschieden unabhängig und das Präsidialsystem, das eingeführt werden soll, sei überhaupt nicht so schlimm. Die Kritiker, etwa des Europa-Rats, müssten sich die Details nur mal genauer ansehen.

Viel zerschlagenes Porzellan

Altmaier lächelt: Apropos Details. Die hätte die Bundesregierung gerne zum Fall Yücel und auch zu den Fällen, bei denen die Türkei um Amtshilfe wegen Terrorismusverdacht bittet. 4000 Fälle habe Erdogan Kanzlerin Angela Merkel übergeben, sagt Kılıç. „Das sind ja nicht so ein paar Zettel“, sagt Altmaier. „Kisten von Aktenordnern“ müssten übergeben worden seien. Es ist seine Art, die Fassung zu verlieren. Kılıç verspricht, in der Türkei doch noch einmal nachzufragen.

Altmaier stellt irgendwann fest: „Es muss noch sehr viel Porzellan, das zerbrochen wurde, aus dem Weg geräumt werden.“ Und eigentlich gebe es wichtigere Dinge zu besprechen als seltsame Vergleiche und die Frage, wo Minister reden dürften. Findet Kılıç auch. Er fragt, warum man denn geschlagene 15 Minuten über Deniz Yücel reden müsse.