In Tai Shanis Installation geht es exzessiv zu. MIt ihren witzigen Phantasmorgien demonstriert die Londoner Bildhauerin und Konzeptualistin vor allem ihren Feminismus.
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London,,Glad to be of service“ (Gern zu Diensten), so reagierte die Turner-Prize-Jury  Harmonie stiftend  und Trennendes vermeidend vorletzte Nacht in der Londoner Tate Gallery. Das gab’s noch nie seit der Stiftung des Preises im Jahr 1984 durch die Tate!  Aber unter den Sturmwolken des Brexits ist eben auf der Insel des Vereinigten Königreiches – auch im Kunstbetrieb – alles anders als einst zu weltoffeneren Zeiten. 

Ausgezeichnet wurden alle vier Nominierten, die sich in ihren  in der Tate Modern ausgestellten Werken mit Themen wie Marginalisierung, Unterdrückung und ungleichen Geschlechterverhältnissen befassen: Tai Shani, Helen Cammock, Lawrence Abu Hamdan und Oscar Murillo. Paritätisch zwei Frauen und zwei Männer, zwei weiß, zwei farbig.

Zeichen gegen die Zerrissenheit des Landes

Und dies auf ausdrücklichen Wunsch des gemischten Quartetts. Man wolle ein Zeichen setzen gegen die Zerrissenheit des Landes, Europas, der Welt, der mangelnden Teilhabe von Milliarden von Menschen an einem guten Leben. Die Juroren betonen – entgegen dem Murren und Nörgeln konservativer Kritiker, die das Juryvotum als „Gießkannentechnik“ tadeln, – man sei dem Künstler-Appell für Gemeinschaft, Vielfalt und Solidarität gern nachgekommen. Die Zeiten erforderten dies.

Turner Prize 2019 Nominierten, (L-R)  Oscar Murillo, Tai Shani, Helen Cammock und Lawrence Abu Hamdan.
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Der Jury-Vorsitzende und Direktor der Tate Britain, Alex Farquharson betonte, es sei „sehr im Geiste des Werkes dieser vier, Konventionen herauszufordern, polarisierten Weltsichten zu widerstehen, andere Stimmen zu vertreten“. Der Turner-Preis ist ein nach dem englischen Landschaftsmaler, den Romantiker William Turner (1775–1851), benannter Kunstpreis, der an einen herausstechenden und für das Denken, die Ästhetik und die Ethik der britischen Gesellschaft wichtigen Gegenwartskünstler alljährlich im Dezember verliehen wird.  Bedingung: Der Betreffende muss in Großbritannien leben.

Nur Gewinner, keine Trostpreise

Das Meritum gilt als eines der wichtigsten im Kunstbetrieb. Üblicherweise beträgt die Belohnung für den Gewinner 25 000 britische Pfund (28 000 Euro). Die anderen Nominierten gehen dann jeweils mit 5 000 Pfund nach Hause.  Nun überraschte die mit Spannung erwartete Zeremonie – vor den Arbeiten aller vier Kandidaten in der Tate – mit dieser Sensation: Es gibt nur Gewinner und keine Trostpreise: Die Gesamtsumme von 40 000 Pfund wird erstmals korrekt durch vier geteilt.

Für jeden Einzelnen ist das zwar weniger, fürs Kollektive aber viel mehr als nur das Monetäre. So sehen es diese vier, die mit herausgehobenem,  gar starkultigem Künstlertum nichts mehr am Hut haben und lieber auf die Kraft der Gemeinschaft setzen. Schon Tage vor dem Juryspruch hatten sie an die Tageszeitung Guardian geschrieben, sie würden eine ungewöhnliche Entscheidung treffen: „In einer Zeit, in der uns bereits so viel trennt und isoliert, fühlen wir eine starke Motivation, den Preis als Gelegenheit für ein gemeinschaftliches, pluralistisches, solidarisches Statement zu nutzen – in der Kunst wie in der Gesellschaft.“

Bildung für alle!

Den Rummel um ihre Entscheidung ist gratis. Alle Welt will wissen, was es mit ihrer Kunst denn auf sich habe. Tai Shani (Foto oben) nutzt rätselhaft sanft-poppige, witzige Skulpturen, Performance, Film, Fotografie und experimentelle Texte, um vergessene Geschichten und Geschichten (von Frauen) zu erkunden. Lawrence Abu Hamdan, der sich mit Sound als Beweismittel bei Menschenrechtsverletzungen beschäftigt, arbeitet mit dem Kollektiv Forensic Architecture zusammen.  

Helen Cammock war einst Sängerin und Tänzerin, dann Sozialarbeiterin für Kinder von Migranten. Sie komponiert in ihren Filmen und Installationen das Persönliche und das Politische zu schwebenden Bild-Text-Sinfonien. Und Oscar Murillo, mit kolumbianischen Wurzeln, schreibt seiner konzeptionellen Kunst – etwa aus alten Schulbänken – Chiffren und Schriftzeichen seiner südamerikanischen Vorfahren ein. Die Botschaft: Bildung für alle!