Der Fotograf Andreas Rost im Frühjahr 1990
Foto: rbb/Andreas Rost

Berlin„Letzter Sommer DDR“ – allein der Titel ruft bei den allermeisten Ostdeutschen unweigerlich Assoziationen hervor. Vor allem die Unternehmungsfreudigen können noch sofort sagen, was sie in diesem Sommer getan haben, als das Alte sich aufgelöst hatte, die neue Ordnung aber noch nicht da war. „Ein Freiraum, den es so nie wieder gab“, erklärt Bernd-Michael Lade als Sprecher der ARD-Doku. Ich gehöre demselben Jahrgang an wie Lade, hatte damals nicht nur mein Studium abgeschlossen und eine winzige Hinterhofwohnung im Prenzlauer Berg bezogen, sondern war mit dem Fahrrad durch Amsterdam und Brüssel gefahren und mit dem Zug nach Paris und in die Bretagne – die Fahrscheine hatten wir noch mit DDR-Geld bezahlt. Und zwischendurch waren wir bei den Rolling Stones in Weißensee! Was sich nach der Währungsumstellung in den DDR-Kaufhallen und Warenhäusern abspielte, interessierte mich dagegen gar nicht, die ersten D-Mark-Scheine flossen in Reisen und Musik.

Die Dokumentation des RBB, die zuerst in der ARD läuft, versammelt ein halbes Dutzend ähnlicher Erinnerungen von Ostberlinern, die damals allesamt Mitte Zwanzig waren. Thomas Brussig, der später mit Romanen wie „Helden wie wir“ oder „Wie es leuchtet“ immer wieder in die Wendejahre zurücksprang, erlebte den Sommer 1990 aus der Ferne: Er fuhr mit dem Auto quer durch die USA.

Andere waren mittendrin im Geschehen. Die Journalistin Carla Kniestedt etwa, später für den ORB und den RBB auf Sendung, musste als Pressesprecherin des Centrum Warenhauses am Alex ein Wochenende lang mit anpacken, um das komplette Haus westlich umzudekorieren und neu zu bestücken. Vor der Kamera musste sie dann den Kaufrausch der Noch-DDR-Bürger und die Preispolitik ihres Hauses erklären – das sind schon aufschlussreiche TV-Dokumente. Mit seiner Fotokamera besonders nah an den Menschen dran war Andreas Rost, der zentrale Zeitzeuge dieser Doku. Seine Porträts sind überhaupt der größte Trumpf des Films von Dagmar Wittmers. Rost war zunächst in Bürgerbewegungen engagiert und versuchte nach deren Wahldebakel im März 1990 mit der Kamera zu ergründen, warum die Menschen in der DDR so ganz anders dachten als von ihm angenommen, warum sie den einmaligen Freiraum nicht länger austesteten, sondern sich mehrheitlich Helmut Kohl und dessen D-Mark anvertrauten.

Zugleich gehörte Rost zu jenen Akteuren, die im Sommer 1990 an der Oranienburger Straße das Tacheles eroberten unter dem Motto: „Die Ideale sind ruiniert, rett die Ruine!“ Im alternativen Kunstprojekt konnte der andernorts schnell verflogene Aufbruchsgeist von 1990 zumindest noch einige Jahre konserviert werden.

Auch die ZDF-Doku „Deutschland 90 – Countdown zur Einheit“ baut auf die Fotos und Erinnerungen von Andreas Rost, zitiert oft sogar dieselben Bilder und Slogans wie das ARD-Pendant. Insgesamt aber zieht die Doku von Henrike Sandner einen breiteren historischen Rahmen, setzt mit seinem Countdown schon im November 1989 ein, als Helmut Kohl seinen Zehn-Punkte-Plan verkündete. Der dauerpräsente Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk fasst die Entwicklungen gewohnt knackig zusammen, die hier sowohl aus ost- wie aus westdeutscher Perspektive erinnert werden. So stehen die Episoden von Gregor Gysi neben Tagebucheinträgen von Kohls Berater Horst Teltschik. Die nachdenklich-bangen Erinnerungen einer jungen SED-treuen Lehrerin aus Thüringen zeigen, dass die Euphorie und Aufbruchsstimmung des Sommers 1990 längst nicht jeden DDR-Bürger erfasste – insofern wirkt der ZDF-Film sachlicher und ausgewogener als der recht schwärmerische Berlin-Film vom RBB.

Unversehens auf der großen außenpolitischen Bühne zwischen Washington und Moskau standen im Sommer 1990 jene DDR-Vertreter, die erst im Herbst 1989 in die Politik eingestiegen waren und nun die Auflösung des Landes international besiegeln halfen. Lothar de Maiziere, Markus Meckel, Thilo Steinbach und Hans-Jürgen Misselwitz vertraten die Noch-DDR bei den Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen. Doch sie blieben Statisten, wurden besonders von den westdeutschen Polit-Profis von oben herab behandelt. Mitterand und Gorbatschow seien herzlicher mit ihm umgegangen als Helmut Kohl, erinnert sich der letzte DDR-Regierungschef de Maiziere.

Die ARD-Doku „Die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen“ versammelt Dutzende direkt Beteiligte, darunter den damaligen US-Außenminister James Baker vor der Kamera, zitiert aus geheimen CIA-Papieren und gibt so einen tiefen Einblick in den Machtpoker, bei dem die Amerikaner resolut und eiskalt die wirtschaftliche Schwäche der Sowjetunion ausnutzten. Erste Zusagen an Gorbatschow, die Nato werde sich nicht gen Osten erweitern, wurden schnell „vergessen“, als Baker und Co. merkten, dass mehr möglich war. Den Ruhm, die deutsche Einheit im Kaukasus ausgehandelt zu haben, überließen sie aber clevererweise Helmut Kohl. Lothar de Maiziere, bei den entscheidenden Verhandlungen außen vor, durfte wenigstens den Vertrag unterzeichnen und erinnert sich an die wichtigste Unterschrift seines Lebens.

Was in jenem Sommer alles so besiegelt wurde, das erfuhren ein Dutzend Männer im ewigen Eis nur mit Verzögerung. Die DDR-Polarforscher erlebte die komplette Wende in 13.000 Kilometern Entfernung in der Antarktis. Die Arte-Doku „Wende im Eis“ hat die ungewöhnlichste Perspektive auf das Jahr 1990 – Basis sind TV-Aufnahmen von damals und Interviews von heute. Die Nachrichten von zuhause wirkten auf die Forscher so seltsam, so dass ihnen die raue Antarktis vertrauter war als die Heimat. Mit dem kühlen Abstand begriffen sie die Entwicklung bald als „Ausverkauf“ der DDR, führten ihre Messungen aber unentwegt weiter: Sie waren weltweit die Einzigen, die schon damals die Ozonwerte kontinuierlich erfassten. Skurril, wie sie im ewigen Eis am 3. Oktober die Einheit vollzogen und die Fahnen wechselten. Da sie den Text der bundesdeutschen Nationalhymne nicht kannten, fragten sie über Funk eine westdeutsche Forschungsstation an, die damals, ein Novum, komplett aus Frauen bestand. Doch die links-progressiven Kolleginnen kannten die Zeilen von Hoffmann von Fallersleben ebenso wenig, und Fahnenschwenken fanden sie peinlich. Für sie änderte sich nichts, ihre ostdeutschen Kollegen kamen 1991 in eine Fremde zurück, die meisten wurden entlassen.

„Letzter Sommer DDR “, Montag, 31.8., 23.30 Uhr in der ARD; Mittwoch, 16.9., 22.15 Uhr im RBB, „Die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen“, Montag, 7.9., 23.35 Uhr, ARD, „Deutschland '90 – Countdown zur Einheit“, Sonntag, 13.9., 20.15 Uhr, ZDFinfo, „Wende im Eis“, Freitag, 2.10., 20.15 Uhr, Arte.