Ist es nun eine Rolle rückwärts oder ein Schritt nach vorn? Die ARD gab am Donnerstag bekannt, dass sie nun doch nicht weiter mit ihrem Fußballexperten Mehmet Scholl arbeiten wird. Der ehemalige Nationalspieler hatte neun Jahre lang Spiele im Ersten analysiert. Sportkoordinator Axel Balkausky verabschiedete sich in einer Pressemitteilung der ARD von einem „meinungsstarken, streitbaren und originellen Experten, der unsere Sendungen extrem bereichert hat. Er hat den Zuschauern einen tiefen Einblick in den Fußball ermöglicht und sie bestens unterhalten.“ 

Noch zwei Tage zuvor hatte Balkausky erklärt, die weitere Zusammenarbeit mit Scholl sei in einer Reihe von Gesprächen geklärt worden. Schon am Montag sollte er die Übertragung des Pokalspiels zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC begleiten.

Hintergrund des Zerwürfnisses mit Mehmet Scholl war dessen Weigerung, sich im Vorfeld des Confed-Cup-Halbfinales Portugal gegen Chile in Russland vor der Kamera über das Thema Doping im Fußball zu unterhalten. Scholl musste kurzfristig von Thomas Hitzlsperger ersetzt werden und verteidigte seine Verweigerung später im Bayrischen Rundfunk mit den Worten, er sei der Meinung gewesen, dass die Story über den Dopingverdacht gegen russische Fußballer dort „nichts verloren“ hatte.

Da die ARD-Sportredaktion sich dies als Einmischung verbeten habe, sei er einfach gegangen. Dazu warf Scholl der ARD vor, sie trage zu oft „negative Storys“ in den Fußball hinein. Laut Meldung vom Dienstag aber hatte der störrische Experte inzwischen die Programmhoheit der ARD akzeptiert.

Der Fall Mehmet Scholl: Heftige interne Reaktionen

Leider gab die ARD-Sportkoordination auf Nachfrage keine Erklärung, warum auf diese Einigung zwei Tage später nun doch die endgültige Trennung folgte – und von wem sie ausging. Lebhaft vorstellen lassen sich aber die heftigen Reaktionen, die die umstrittene Einigung mit einem hoch bezahlten Fußballexperten innerhalb der ARD hervorgerufen haben muss, vor allem bei den sportferneren, journalistischen Redaktionen. Denn dass sich ein eingeladener Experte überhaupt anmaßt, Themen einer Sendung bestimmen zu wollen, rührt tief am journalistischen Selbstverständnis.

Vor einem Jahr hatte der Vertrag zwischen Mehmet Scholl und der ARD auf andere Art für Diskussionen gesorgt. Damals wurde kolportiert, dass Fußballexperten wie Scholl oder Oliver Kahn beim ZDF horrend hohe Honorare für ihre kurzen Auftritte bekämen – angeblich deutlich mehr als die gewiss nicht schlecht bezahlten Intendanten. Die Sender hatten die genannten Summen stets zurückgewiesen, aber ihrerseits nicht offen gelegt, wie viel ihre Experten eigentlich bekommen. Schon dieser Streit um mangelnde Transparenz stellte die Rolle der Prominenten in Frage – muss der Fußball denn immer so teuer sein?

Die ARD sieht sich bei ihrer Sportberichterstattung permanent in einem Zwiespalt: Präsentiert sie auf gefällige Weise ein hoch bezahltes Produkt oder erlaubt sie sich, dieses teure Produkt zu problematisieren? Im Fall Mehmet Scholl mussten die Verantwortlichen entscheiden, wer für ihren publizistischen Auftrag wichtiger ist: ein beliebter Gastkritiker, der gern mit markigen Kommentaren auffiel – oder aber ein Reporter aus den eigenen Reihen wie etwa Hajo Seppelt, der mit seiner Kompetenz zum ersten Anlaufpunkt für all jene geworden sind, die sich mit den Hintergründen des Sports beschäftigen.

Demonstrative Unlust von Scholl über Doping zu sprechen

Mit seiner demonstrativen Unlust, sich über das Thema Doping zu äußern, hatte Mehmet Scholl ja vor allem jene Reporter des WDR angegriffen, die sich genau diesem Thema verschrieben haben, dafür weltweit anerkannt und auch angefeindet werden, etwa von Leuten, die Enthüllungen über das Doping in Russland generell für eine russlandfeindliche Kampagne halten. Seppelt hatte Scholl via Twitter eingeladen, in seiner WDR-Sendung „Sport inside“ über Doping im Fußball zu sprechen. Vergebens.

Die ARD konnte gar nicht anders, als sich von Mehmet Scholl zu trennen, der öffentlich und fortgesetzt ihre Programmhoheit in Frage gestellt hatte. Jeder weitere Auftritt von Scholl hätte nur zu Spekulationen eingeladen. Es ist ein notwendiger Schritt nach vorn in den festen Stand – und keine Rolle rückwärts.