Wer aufs Land zieht, um seine Ruhe zu haben, irrt. Die Provinz sät ihre Geheimnisse wie Salat in Gewächshäusern und ist bevölkert von Menschen, denen vor lauter Uneitelkeit niemand hinter das ungeschminkte Gesicht schauen kann. So jedenfalls wollen es uns viele Krimis glauben machen, die ihre Bluttaten in agrarische Kulturlandschaften verlegen. Auch der ZDF-Fernsehfilm „Herzversagen“ gehört in dieses Genre der Landei-Krimis, das nach der Wende der „Polizeiruf 110“ in Abgrenzung zum urbanen „Tatort“ erfand.

Der Blick, mit dem die junge Ärztin Dr. Roth (Maria Simon) auf die Dörfler schaut, ist der Blick der Zugereisten. Eben noch war die Medizinerin das kleine und zunehmend ausgepowerte Rädchen in einem großen Hamburger Klinikum. Nach ungezählten Überstunden war ihr ein diagnostischer Fehler unterlaufen, die Klinikleitung hatte sich darauf zurückgezogen, dass die Ärztin nicht mehr im Dienst gewesen war. Ellen Roth soll also nicht nur die moralische Verantwortung für ihre Fehldiagnose übernehmen, sondern auch das Schmerzensgeld an den Patienten aus eigener Tasche zahlen. Ernüchtert und pleite greift Ellen nach einem Strohhalm und übernimmt die verwaiste Hausarztpraxis in Borkwerder, samt Wohnung über der Praxis. Beschaulich gehe es hier zu, erklärt ihr Dorfvorsteher (Charly Hübner), lediglich beim Schützenfest, das regelmäßig in einer Dorfkeilerei ende, habe sie sicher alle Hände voll zu tun.

Großes Blutbild

Tatsächlich bleiben die Dörfler zunächst abwartend, Ellens Warteraum füllt sich erst, nachdem Frau Doktor beherzt bei der Geburt eines Kalbes angepackt hat. Unter den neugierigen Patienten, die nun die Neue einmal aus der Nähe sehen wollen, ist auch der Gärtner Bertel (Norman Hacker). Er klagt über Schwindel und Übelkeit, aber das EKG zeigt keinerlei Herzinfarkt-Risiko. Dr. Roth, seit ihrem Kunstfehler vorsichtig geworden, ordnet ein großes Blutbild an. Aber dazu kommt es nicht mehr: am nächsten Morgen liegt Bertel tot in seinem Gewächshaus. Der Notarzt schreibt in den Totenschein „Herzinfarkt“, ausgerechnet. Ellen kann und will den Schatten des Zweifels, ob sie etwas übersehen hat, nicht auf sich sitzen lassen. Zunehmend hartnäckig schnüffelt sie einem schrecklichen Verdacht hinterher – und bringt sich so bald selbst in Lebensgefahr.

Das Ursprungs-Drehbuch von Sven Poser wurde von Stefan Rogall überarbeitet, so ist es im Abspann ausgewiesen. Tatsächlich gehorcht die Geschichte nun zwei irritierend verschiedenen Erzählrhythmen. Einerseits sind da die üblichen Etappen eines Whodunit-Krimis: vom diffusen Unbehagen zum konkreten Verdacht. Andererseits verwendet das Buch ungewöhnlich viel Zeit darauf, die Integrationsbemühungen der Städterin zu verfolgen, ihre Pendelbeziehung zu beschreiben, sogar die Not ihres Freundes (Jörg Hartmann), der seiner Lebensgefährtin den ganzen Film über etwas erzählen will, dazu aber aufgrund der hohen beruflichen Belastung auf beiden Seiten bis zum Schluss keine Gelegenheit findet. Auch hat der Film zwei Schlüsse: Einen lakonischen und einen versöhnlichen.

Präsente Schauspieler

Regisseurin Dagmar Hirtz folgt beiden Impulsen, so verschieden die Tonalitäten des Drehbuchs auch sein mögen. Einerseits inszeniert sie die Topoi der Krimihandlung – den Einbruch in das Bestattungsinstitut, Ellens Begegnungen mit den Verdächtigen – nach allen Regeln der Suspense-Kunst. Andererseits hat sie gemeinsam mit Antje Wetenkamp von der Casting-Agentur Outcast für die Dorfbevölkerung eine Riege von wenig bekannten, aber sehr präsent aufspielenden Schauspielern engagiert. Angeführt von Caroline Ebner als introvertierte Gärtnerswitwe dürfen hier viele als Patienten oder Gärtnergehilfe, als Bestatter oder als Sprechstundenhilfe kleine Miniaturen ihres Könnens abliefern. Das gibt letztlich dem Film die Gestalt einer visuellen Entdeckung (Kamera: Axel Block).

Gleichwohl hätte „Herzversagen“ ohne die Hauptdarstellerin Maria Simon kaum die suggestive Kraft, die dem Film seine Krimispannung gibt. Mal von den Geschehnissen verunsichert, mal unbeirrt auf dem Pfad der Gerechtigkeit führt die großartige Maria Simon durch einen trotz aller Widersprüche immer sehenswerten Film.

Herzversagen, 20.15 Uhr, ZDF