„Generation Laminat“ – so hat die Journalistin Kathrin Fischer in ihrem Buch jene gebeutelte Mittelschicht getauft, der sie an diesem Abend ihr Gesicht lieh. Das sei eine Generation, die sich wundere, warum sie es trotz Arbeit nicht schafft, wie ihre Elterngeneration Eigentum anzuhäufen. Von Parkett auf Laminat – das sei zwar kein sozialer Absturz, doch aber ein so subtiler wie schmerzlicher Rückschritt. Und für Fischer ein „Symptom“ einer sich spaltenden Gesellschaft.

Mit dem Thema „Mittelschicht in Abstiegsangst - bleiben die Fleißigen auf der Strecke?“ hat Anne Will gestern eine neue Debatte eröffnet. Was die Zuschauer an diesem Abend erfuhren: Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen 53% des Privatvermögens in Deutschland, die ärmere Hälfte zusammen gerade mal 1 Prozent. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Und schrumpft dabei die Mittelschicht. So fasste Anne Will gestern Abend den noch unveröffentlichten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zusammen. Genauer gesagt, seinen Entwurf. Denn noch hat ihn kaum jemand gelesen.

Die politischen Fronten bei Anne Will waren so gegensätzlich besetzt wie es nur ging. Patrick Döring, Generalsekretär der FDP durfte gegen Sahra Wagenknecht, Vizefraktionschefin der Linken, antreten. Unversöhnliche Positionen trafen hier aufeinander.

Döring nimmt Reiche in Schutz

Döring nahm die reichen zehn Prozent in Schutz. Ihr Vermögen sei schließlich nicht vom Himmel gefallen. Es stamme aus fleißiger Arbeit und risikoreichem Unternehmertum. Eine Schröpfung der Reichen werde Arbeitsplätze kosten und somit der Mitte mehr schaden als helfen. Soweit das unerschütterliche Mantra der FDP, über das Döring an diesem Abend nicht hinauskam.

Beeindruckend war es, Sarah Wagenknecht dabei zuzusehen, wie sie aus stoischer Ruhe abrupt in ein Argumentations-Stakkato zu wechseln vermochte. Immer wieder geriet sie mit Döring aneinander: Das meiste Vermögen beruhe nicht auf Arbeit, sondern auf Erbschaften. Die oberen zehn Prozent – für sie nicht mehr als ein „Klub der glücklichen Spermien“. Wagenknecht schimpfte auf eine „Steuerpolitik, die Reiche regelrecht mästet“ und nannte das Ganze eine „abstruse Entwicklung“.

Uwe Hück, Betriebsratsvorsitzender bei Porsche, gab unterdessen den Zupacker und Anwalt der Arbeitnehmer, plädierte für Solidarität, gescheite Löhne und einen Mentalitätswechsel bei den Arbeitgebern. Es gebe genug Geld in Deutschland, nur ein Verteilungsproblem. Sich selbst bezeichnete Hück als „Robin Hood ohne grüne Strumpfhose“.

Ganz anders der Volkswirt und Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Michael Hüther. Er gab den Anwalt der nüchternen Datenlage: Soziale Ungleichheit? Damit muss eine Gesellschaft auskommen. Die Reichen? Zahlen doch. Vielleicht nicht genug, aber sie tun es. Die Lohnkluft? Erklärt sich damit, dass mehr Menschen wieder in Arbeit sind, auch wenn die gering entlohnt wird. Häuser sind für die Laminat-Generation unerschwinglich? Liegt am Wohnungsmarkt. Für ihn zählten nur blanke, rationale Zahlen.

Eindrücklicher Einspieler

Hüther wusste, dass wir heute für eine Waschmaschine nur noch halb so lange arbeiten müssen wie früher. Dafür wusste Sahra Wagenknecht, dass wir dafür umso länger für eine „Heizölfüllung“ arbeiten müssen. Autorin Fischer bezweifelte die Auswertung der Daten des Armutsberichts. Die interpretierten die Volkswirte doch je nachdem, wer sie dafür bezahlt. Das konnte Hüther nich auf sich sitzen lassen: „Sie haben wirklich an der Stelle keine Ahnung.“ Die Daten seien objektiv, alle arbeiteten mit den gleichen Zahlen.

Es war ein Abend, der ganz den empirischen Belegen, Studien, Daten und angeblichen Fakten gewidmet war – die im Publikum keiner genau kannte. Da tat es ganz gut, als Porsche-Mann Hürth dazwischen grätschte („Weniger streiten, mehr Probleme lösen!“)

Am Ende präsentierte Anne Will einen besonders eindrücklichen Einspieler: die Reichtumsuhr. Wie bei der Schuldenuhr rasen auf ihr Ziffernfolgen blitzschnell Richtung Unendlichkeit. Als Döring schätzen sollte, um wie viel sich das Vermögen des reichsten Zehntels wohl im Laufe der Sendung vermehrt habe, weigerte er sich. Noch so eine Zahl. Es waren 21 Millionen Euro.

Die Diskussion bei Anne Will war ein spannender, wenn auch zahlenlastiger Auftakt für eine Neiddebatte, die Deutschland noch mindestens bis November beschäftigen wird. Dann erst liegt der diskutierte Bericht in Endfassung dem Kabinett vor.