Das Thema Kindesmissbrauch ist in Deutschland derzeit ein heftig diskutiertes. Gut so, allzu lange wurden derlei Fälle unter den Teppich gekehrt, die Täter geschützt und nicht die Opfer - gerade auch von Institutionen wie der Katholischen Kirche. Am Mittwoch sendete die ARD den Film „Operation Zucker“ und gestern Abend hatte Reinhold Beckmann unter anderem Pola Kinski zu Gast.

Die älteste Tochter des manisch-genialen Klaus Kinski hat gerade ein Buch über ihre Kindheit veröffentlicht, Titel: „Kindermund“, in dem sie beschreibt, wie sie 14 Jahre lang von ihrem Vater missbraucht wurde. „Für mich war es ein unglaublich langer Prozess, damit klarzukommen, mit 19 habe ich erstmals darüber gesprochen. Mein Therapeut hat mir dann klar gemacht, durch den Missbrauch kamen meine Ängste“.

Pola Kinski berichtete bei Beckmann über den schleichenden Prozess des Missbrauchs – sie wuchs bei der Familie ihrer Mutter auf. Klaus Kinski hat sie ständig abgeholt, im Rolls-Royce, bekam schöne Kleider geschenkt, „Kinski hat quasi um meine Hand angehalten. Das Sich-Kümmern, das Gesehen-werden war schöner als das Unsichtbarsein in der Familie meiner Mutter“, gestand Pola Kinski. Unmittelbar nach den Übergriffen habe sie das sofort vergessen.

Verheerende Langzeitfolgen

Ähnliche Erfahrungen hat Andreas Huckele gemacht, er wurde als Kind in der „Odenwald Schule“ missbraucht – vom Schulleiter. Auch Huckele beschrieb, wie er den Missbrauch damals wegdrückte und nicht darüber nachdachte. Christian Pfeiffer, Kriminologe aus Hannover meinte, dass es vor allem die ungeliebten Kinder seien, die besonders gefährdet für Missbrauch seien. „Denn die sind besonders liebebedürftig und landen dann auch mal auf dem falschen Schoß.“ Pfeiffer meinte, dass es daher auch kein Wunder sei, dass Missbrauch häufig in Heimen und Internaten stattfindet, denn dort gebe es eben viele Kinder, die auf der Suche nach Liebe und Zuwendung seien.

Die Langzeitfolgen des Missbrauchs sind verheerend. „Ich habe lebenslänglich – wie alle Missbrauchsopfer, deswegen habe ich auch dieses Buch geschrieben, ich hatte es satt, dass Kinski immer als sensibler Künstler dargestellt wird“, sagte Pola Kinski. Auch Andreas Huckele hat sich seine Seelenqualen von der Seele geschrieben („Wie laut soll ich denn noch schreien“) und beschrieb in seinem Buch, wie normal, wie alltäglich der Missbrauch an der Odenwaldschule war, einschließlich Alkoholkonsum, Pornogucken und Kiffen – und all das unter 14-jährigen.

Am Schluss der Sendung diskutierten Christian Pfeiffer und der katholische Pater Hans Langendörfer über den Fall der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle – die Katholische Kirche hatte Pfeiffer und seinem Institut gekündigt, weil das Vertrauensverhältnis nachhaltig gestört sei. Diese eher technischen Fragen wirkten am Ende der Sendung eher unpassend und aufgesetzt. Interessanter wäre doch gewesen, zu diskutieren, wie man Kindesmissbrauch wirksam verhindern kann, das kam ganz knapp kurz vor dem Ende der Sendung – denn eines ist klar: Er findet noch immer statt – jeden Tag, in Deutschland, mitten unter uns.