Warte nicht mit dem Essen auf mich. Dies werden die letzten Worte sein, die der Landschaftsarchitekt Lars Langhoff mit seiner Frau wechselt. Aber das weiß er da noch nicht. Sybille ist schwermütig, aber in diesem letzten Telefonat klingt sie gar nicht so. Tatsächlich nutzen viele Menschen am Ende einer schweren depressiven Episode ihre langsam zurückkehrenden Tatkraft dazu, ihren Suizid zu planen. Alle 45 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Zehntausend sind es jedes Jahr. Oft hinterlassen sie nicht einmal einen Abschiedsbrief. Das Fernsehspiel „Der letzte schöne Tag“ erzählt von den Familien, die sie zurücklassen. Von der Trauer und den Schuldgefühlen, von der Ratlosigkeit und der Wut. Von Lars und seinen Kindern.

Er habe sich schon beim Lesen des Drehbuchs gefragt: „Wie geht man damit um, wenn der Partner von jetzt auf gleich weg ist?“, erinnert sich Wotan Wilke Möhring, selbst seit ein paar Jahren glücklicher Vater zweier Kinder. Es war ja kein tragischer Unfall oder banale Altersschwäche, die seine Filmfigur zum Witwer macht. Da kommt also einer nach einem langen sonnigen Arbeitstag pfeifend zur Tür herein und muss feststellen, dass es nach seinem lapidaren „Warte nicht mit dem Essen auf mich“ am Telefon kein gemeinsames Morgen mehr geben wird.

Möhring tritt immer wieder in kleineren Rollen auf

Drehbuchautorin Dorothee Schön weiß sehr genau, wovon sie in „Der letzte schöne Tag“ erzählt. Ihre Mutter und ihre Schwester haben sich im Abstand von wenigen Jahre das Leben genommen. Die Arbeit am „Stoff“ war also auch Aufarbeitung der eigenen Familientragödie. Statt sich vom knappen Exposé zum Dialogbuch vorzuarbeiten, setzte sich Schön nach jahrelangem Zögern eines Tages hin und schrieb sich Szene für Szene die Geschichte von der Seele.

Vielleicht ist „Der letzte schöne Tag“ auch deshalb so anders. Der Film erzählt nicht in den großen dramaturgischen Bögen eines Trauerjahres, sondern beschränkt sich auf jene knappe Zeitspanne zwischen Tod und Beerdigung, die von den Hinterbliebenen meist als besonders artifiziell empfunden wird, weil einerseits so viel passieren muss, andererseits die Zeit für immer still zu stehen scheint.

„In dieser Geschichte ist das Wahrhafte keine große Geste, sondern eine kleine Bewegung“, findet auch Wotan Wilke Möhring. Es geht um die minimalen Fortschritte der ersten Tage: um das Verständnis für die Entscheidung. Um die Bewältigung des Alltags, die Beerdigung, die Frage: „Wie sage ich es den Kindern?“ Wotan Wilke Möhring, der erst mit dreißig als Autodidakt zum Film fand, spielte in der Anfangszeit gerne und gut die eher lauten Typen: Der Schweißer Karl aus der herrlich abgründigen Arbeiterkomödie „Hat er Arbeit?“ brachte dem Quereinsteiger 2000 eine Nominierung beim Deutschen Fernsehpreis ein. Wenig später spielte er den Handwerker Joe in dem Kinofilm „Das Experiment“ mit einer Mischung aus starker physischer Präsenz und gut einer gut verhüllten inneren Zerbrechlichkeit, die in Erinnerung blieb. Er habe die Schauspielerei beim Filmen gelernt, gibt Möhring offen zu.

Seine Filmographie ist also auch sein Ausbildungsheft. Darin sind im Laufe der Lehr- und Wanderjahre immer größere Projekte verzeichnet. Es gibt erfolgreiche Kinorollen wie den aufbrausenden Roland in „Männerherzen“ oder die viel beachtete Nebenrolle in „Operation Walküre“ an der Seite von Tom Cruise. Aber auch als etablierter Profi lässt sich Möhring immer wieder für vermeintlich kleine Debütfilme engagieren wie zuletzt „Der Brand“ von Brigitte Maria Bertele, in dem der Mittvierziger einen Vergewaltiger spielt.

Der Film vermeidet eine durchsichtige Dramaturgie

Im vergangenen Herbst beeindruckte er in dem mehrfach preisgekrönten ARD-Fernsehfilm „Homevideo“ als hilflos getriebener Vater seines vom Cybermobbing bedrohten Sohnes. Während Möhring den Polizeibeamten Claas wie eine Dampflokomotive durch „Homevideo“ schnaufen ließ, spielt er den Lars aus „Der letzte schöne Tag“ so leise wie eine Modelleisenbahn: Scheinbar schnurgerade und ohne je aus der Spur zu kippen, bringt der Witwer die Notwendigkeiten hinter sich. Erst nach der Beerdigung bricht die Verzweiflung aus ihm heraus.

Regisseur Johannes Fabrick schafft mit seiner psychologisch einfühlsamen Regiehandschrift die notwendige Atmosphäre, damit dem Zuschauer trotz der Wucht des Themas die kleinen Miniaturen des Drehbuchs nicht entgehen. Da deckt hier mal der kleine Sohn weiterhin vier Teller am Abendbrottisch, da fragt dort mal die Tochter ihren Vater, warum der Leiche im Sarg noch schöne Sachen angezogen werden: „Wer sieht das denn?“

Weil sich der Film so konsequent vor allen üblichen dramatischen Wendungen fernhält und dem Zuschauer keine Nebenhandlungen als emotionale Ausflucht anbietet, wird die Aufmerksamkeit des Publikums vollends auf die kleinen Fortschritte in der Trauerbewältigung gelenkt. Nur selten brechen die Figuren aus ihrer Erstarrung aus. Grübeln statt Greinen, poröse Empfindungen statt starker Gefühle. „Das zu spielen ist natürlich schwerer“, sagt Wotan Wilke Möhring. „Sich gehen zu lassen ist ja eine der leichtesten Übungen für einen Schauspieler.“ Das sieht vielleicht groß aus, richtig groß aber ist das Minimalistische. So wie hier.

Der letzte schöne Tag, 20.15 Uhr, ARD