Der Katholischen Kirche weht in den letzten Monaten ein heftiger Wind entgegen. Noch immer sind Vorwürfe einer möglichen Zensur nicht ganz ausgeräumt – die Kirche hatte die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nicht völlig aus der Hand geben wollen und wollte sich vor der Veröffentlichung das letzte Wort vorbehalten. Daraufhin kündigte die Kirche dem beauftragten Forschungsinstitut.

Vor zwei Wochen nun wurde der Fall publik, in dem eine vergewaltigte Frau in zwei katholischen Kölner Krankenhäusern abgewiesen wurde – die „Pille danach“, also abtreibende Mittel könnten ihr nicht gegeben werden, so die diensthabenden Ärzte. Das Ganze sei ein „Skandal“, wie die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (B90/Grüne) konstatierte. „Ich möchte, dass sichergestellt ist, dass vergewaltigte Frauen die Pille danach bekommen“, so Steffens.

Die Verwirrung ist perfekt

Immerhin: Der Kölner Kardinal Meißner hatte kurzfristig zurückgerudert und signalisiert, dass in derlei Ausnahmefällen bestimmte Medikamente erlaubt seien. Eine solche Pille, die keine klassische Abtreibung einleitet, gebe es aber noch gar nicht, meinte Martin Lohmann, Chefredakteur des erzkonservativen „K-TV“, einem katholischen Fernsehprogramm. Die Verwirrung ist perfekt.

Die Debatte bei Günther Jauch hatte zeitweise skurril-gespenstische Züge, die an Zeiten vor 1968 erinnerte. Die psychische und medizinische Versorgung von Frauen in Not trat in den Hintergrund und es wurde ausgiebig über katholische Dogmen diskutiert. Gerade Martin Lohmann, katholischer Journalist und Theologe redete sich um Kopf und Kragen und provozierte sogar einige „Buh“-Rufe. „Ich verstehe nicht, dass eine Grüne nicht für das Leben ist“, ätzte Lohmann gegen Barbara Steffens.

Die Gesundheitsministerin antwortete, dass sie sich um das Leben und Wohlergehen der vergewaltigten Frau sorge, und da gehöre die Pille danach einfach dazu. Die Kirche entferne sich von der Lebensrealität der Menschen.

Ein weiter Weg

Fakt ist: Gerade im Rheinland sind 50 Prozent der Krankenhäuser in katholischer Hand – dort ist das kirchliche Dogma durchaus im Alltag bedeutsam. Welch absurde Zustände in kirchlichen Einrichtungen herrschen, zeigt ein Beispiel aus Königswinter bei Bonn – dort wurde einer Kindergärtnerin gekündigt, weil sie durch ihre Scheidung „ein schädliches Ärgernis“ geworden sei. Proteste der Eltern bewirkten, dass die Kindergärtnerin wieder eingestellt wurde. Die Journalistin Eva Müller, die ein Buch über die Alltagsrealität in christlichen Einrichtungen geschrieben hatte („Gott hat hohe Nebenkosten“), meinte, dass gerade diese Unsicherheit sehr belastend sei für die Mitarbeiter.

Allgemein gelte eine „Dont ask, dont tell“-Regel: Wer beispielsweise seine homosexuelle Beziehung verheimliche, werde toleriert. Darüber hinaus bezahle der Staat teilweise bis zu 100 Prozent der Kosten in den Krankenhäusern, Kindergärten und Pflegeheimen, die Kirche habe aber die Hand auf diesen Häusern und bestimme die Richtlinien.

Am Schluss blieb der Eindruck, dass die Kirchen noch einen weiten Weg gehen müssen, bevor sie in der modernen Gesellschaft ankommen. Immerhin das hat die Jauch-Sendung offengelegt.