Ein großes Aufatmen ging gestern durch die Republik: Nach monatelangen Debatten um die Schnäppchen-Jagd des Alt-Präsidenten Wulff wurde im Berliner Reichstag gleichsam eine Art politisches Familienfest gefeiert. Nach Live-Übertragungen, Sondersendungen bei ARD, ZDF, Phoenix, n-tv und N24 debattiert am Abend natürlich auch Günther Jauch über die Erwartungen an den neuen Bundespräsidenten. Und die sind erwartungsgemäß hoch: Zum Einstieg erzählte Sibylle Hammer, eine Freundin der Familie Gauck, wie sie 50 Jahre lang engen Kontakt zu Gauck hielt - und das, obwohl sie 1977 aus der DDR floh. „Das war schon komisch, ihn jetzt als Bundespräsident zu sehen“, sagte sie.

Nichts neues bei Jauch

Die Sendung führte leider wenig über das hinaus, was schon seit Tagen und Wochen diskutiert wurde. Gesine Lötzsch, Parteivorsitzende der Linkspartei, erklärte lang und breit, warum sie ihn für einen „Kandidaten der kalten Herzen“ hält, und warum er ihrer Meinung nach zu wenig den Aspekt der sozialen Sicherheit betont.

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In der Tat ein nicht ganz von der Hand zu weisender Punkt angesichts der Tatsache, dass fast jeder vierte Arbeitnehmer nur einen geringen Lohn bezieht und derzeit Tausende von Schlecker-Mitarbeiterinnen vor der Entlassung stehen. Doch das seien alles Klischees, meinte Georg Mascolo, Chefredakteur des Magazins "Der Spiegel". Dass ausgerechnet ein Gemeindepfarrer aus der ehemaligen DDR keinen Sinn für soziale Fragen haben sollte, diese Behauptung halte er für vermessen.

Jauchs Runde verlor sich über lange Strecken im Klein-Klein des politischen Tagesgeschäfts. Warum und wie Vize-Kanzler Philipp Rösler (FDP) nun den Kandidaten durchgesetzt hat und ob das den Koalitionsfrieden nicht dauerhaft gestört habe. Nein, habe es nicht, man habe eine Woche später schon in einer Spitzenrunde wichtige Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht. Was sollte er auch anderes sagen? Auch die Politik-Granden Hans-Jochen Vogel (SPD) und Edmund Stoiber (CSU) konnten kaum Neues in die Debatte einbringen.

Noch mehr TV-Gauck droht

Man freue sich über die Wahl Gaucks und schob etwaige Bedenken beiseite. Deutschland, nun freue Dich, möchte man fast formulieren – was Jauch einmal auch ganz wörtlich an Gesine Lötzsch richtete: „Frau Lötzsch, nun freuen Sie sich doch mal.“ Immerhin: Lötzsch verriet, dass Gauck ihr bei den Glückwünschen im Bundestag nach seiner Wahl ins Ohr geflüstert habe, dass er sich bessern wolle. „Frau Lötzsch, ich arbeite daran“.

Das kann man dann von Freitag an beobachten, wenn Gauck offiziell vereidigt wird.

Und wer noch mehr Gauck-Debatten im Fernsehen verfolgen will, dem sei „hart aber fair“ heute Abend in der ARD empfohlen. Da fragt Frank Plasberg danach, ob Gauck das Image der Politik aufbessern kann.

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