So sehen heute Märchen aus. Ein alleinreisender Mann, der vor den politischen Verhältnissen in seinem Heimatland geflohen ist, nähert sich am Ende der Flucht in einer langen Schlange von Menschen dem Beamten einer Einwanderungsbehörde. Der Beamte wirkt zwar grimmig – doch blickt er dann nur kurz von seinen Papieren hoch, fragt den Flüchtling nach dessen Herkunft und drückt ihm, als wär nichts dabei, den ersehnten Stempel in seinen Pass: „genehmigt“.

Mit dieser Szene beginnt „Eine neue Welt“, der erste Film der „Winnetou“-Trilogie von Philipp Stölzl. Der deutsche Flüchtling, der hier so glimpflich durch die New Yorker Migrationskontrolle auf Ellis Island kommt, wird schon bald als Old Shatterhand wildwestberühmt werden; Wotan Wilke Möhring gibt das „Greenhorn“, das sich zum Helden mausert, mit der richtigen Mischung aus Verklemmtheit, Tatkraft, und humanistischer Naivität.

Erfreulich oft unbekleidete Brust

Drei klassische Abenteuer Karl Mays hat Stölzl  für das Jahresendfernsehprogramm frisch verfilmt. „Eine neue Welt“ variiert „Winnetou I“ und beschreibt, wie Old Shatterhand die Bekanntschaft des edlen Apachen macht. Dieser ist zunächst aber gar nicht so edel: Nik Xhelilaj spielt ihn mit erfreulich oft unbekleideter Brust als wettergegerbten Durchschnittspräriebewohner, dessen fremde Sprache und undurchdringliche Mimik dem deutschen Einwanderer allerlei Rätsel aufgibt.

Und so ist es durchweg: Gegen die pathosgetränkte Cinemascope-Ästhetik der „Winnetou“-Filme aus den sechziger Jahren setzt Stölzl auf eine Verschränkung von Märchen und Realismus. Zwar schweift die Kamera heute wie damals gern über herrliche Prärielandschaften. Doch in den Nahaufnahmen wackelt das Bild wie in einem sozialrealistischen Drama. Besonderer Wert wird auf die Darstellung von Schmutz, Schlamm und schlechtem Wetter gelegt und von  anderen Symbolen des mühsamen Lebens in der unerschlossenen Wildnis –  was das Lederwams von Old Shatterhand andererseits nicht daran hindert, stets frisch gewaschen und gut gebügelt zu wirken.

Behutsam modernisierend

Stölzls Neudeutung des Stoffes ist originell, behutsam modernisierend und vergnüglich in der Kunstfertigkeit, mit der die Story trotz aller Freiheiten doch immer wieder auf zentrale Figuren und Leitmotive der May’schen Romane zurückkommt. Neben dem ersten Teil gelingt das insbesondere auch im  dritten, der „Winnetou III“ einschließlich des dramatischen Häuptlingstods umfasst; das Mittelstück versucht sich an einer sehr freien Deutung von „Der Schatz im Silbersee“ und ist schon wegen des neu erfundenen, konturlos bleibenden Bösewichts El Mas Loco (Fahri Yardim) die schwächste der Folgen.

Ansonsten brillieren in dieser „Winnetou“-Serie zwei der tollsten Schurken, die es im Karl-May-Universum bisher gab. Jürgen Vogel spielt den bösen Eisenbahnvorarbeiter Rattler im ersten Teil mit rohem Sadismus und Kinski-artig drolligem Irrsinn; Michael Maertens gibt seinen Santer im Schlussstück als vollendet verspielten Zynikerdandy, der beim scheußlichen Tun gerne „Die Blumen des Bösen“ aufsagt. Damit folgt Maertens dem Vorbild des großen Matthieu Carrière, der seinen „Ölprinz“-Text bei den Karl-May-Spielen Bad Segeberg einst fabelhaft mit Nietzsche- und Gilles-Deleuze-Zitaten spickte.

Homoerotische Komponente getilgt

Die homoerotische Komponente der Blutsbrüder-Geschichte – die in Arno Schmidts einschlägiger „Sitara“-Deutung des May’schen Romanwerks ebenso wesentlich ist wie in der „Schuh-des-Manitu“-Parodie –  hat Stölzl getilgt: zugunsten einer starken Frauenfigur, mit der Old Shatterhand alsbald eine heterosexuelle Paarbeziehung eingeht. Es handelt sich um Winnetous Schwester Nscho-tschi (Iazua Larios), die, anders als in der literarischen Vorlage und der ersten Verfilmung, nicht gleich nach dem ersten Betreten der Szene erschossen wird, um von den Männern betrauert werden zu können.

Vielmehr überlebt sie bis zum Trilogieschluss und baut sich mit Old Shatterhand ein beschauliches Eigenheim samt Gemüsegarten. Auch der im Original als Transgender-Figur angelegte Sam Hawkens wird von Milan Peschel – in freilich kurzweilig koboldartiger Weise – normativ heterosexualisiert und in die Ehe mit einer Exprostituierten überführt.

So sind emanzipatorische Impulse und Biedermeier-Regress im Stölzl’schen Winnetou dialektisch verschränkt. Am Ende triumphiert der Pazifismus des May’schen Spätwerks. Wenn sich dann die rassistisch leicht aufzuwiegelnden Einwohner des Eisenbahnstädtchens Roswell mit dem „Indianerfreund“ Old Shatterhand und seinen „stinkenden Rothäuten“ verbrüdern, dann wirkt das zwar so glaubwürdig wie die Versöhnung der AfD mit Flüchtlingsinitiativen. Aber warum nicht? Es ist ja ein Weihnachtsdreiteiler, da darf man ruhig ein wenig träumen und schwärmen.