Berlin - Wahrscheinlich gibt es wenig, über das sich in Deutschland leidenschaftlicher und gegensätzlicher streiten ließe als Schulpolitik: Lieber G8 oder G9? Gesamtschulen ja oder nein? Leisten Lehrer genug oder zu wenig? Müssen sie reparieren, was in Elternhäusern schief geht? Lernen Kinder die richtigen Dinge in der Schule? Wie umgehen mit Kindern von Zuwanderern? Was ist mit islamischen Kindern und Sexualkunde- oder Schwimmunterricht?

Oder, seit ein paar Jahren: Inklusion. Wie halten wir es mit behinderten Kindern? Lieber Förderschule oder soll es auch das Gymnasium sein? „Stößt Inklusion an ihre Grenzen?, fragte Günther Jauch am Sonntagabend. Seine Gäste: Malu Dreyer, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin, selbst zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen, Josef Kraus, Chef des deutschen Lehrerverbandes, der Lehrer und Inklusionsbefürworter Jan-Martin Klinge, Kirsten Ehrhardt, Mutter des elfjährigen Henri, eines Jungen mit Down-Syndrom, der aufs Gymnasium soll und Carina Kühne, eine junge Frau mit Hauptschulabschluss und Down-Syndrom, die Schauspielerin werden möchte.

Das Angenehme an der Sendung: Es ging tatsächlich ums Thema, die Debatte zeigte klar die Probleme, die sich aufgetan haben, seit 2009 durch UN-Konvention auch in Deutschland Inklusion Auftrag der Bildungspolitik wurde. Kein politischen oder sonstigen Alphatierchen produzierten sich lärmend. Danke.

Beeindruckender Auftritt von Carina Kühnes

Wenn stimmt, dass etwa die Hälfte aller Deutschen noch nie etwas mit einem Behinderten zu tun hatten und wenn man annehmen darf, dass es sich unter den Fernsehzuschauern ähnlich verhält, dann hatte die Debatte am Sonntagabend ihren Nährwert.

Beeindruckend der Auftritt Carina Kühnes, die mehrfach sagte, sie leide mehr unter Ausgrenzung als unter dem Down Syndrom. Klar die unterschiedlichen Positionen: Lehrer Kraus, der immer wieder betonte, es komme in der Schule auch auf Leistung an. Und die Mutter von Henri, die möchte, dass ihr Sohn auch aufs Gymnasium gehen kann, weil er sonst seine Freunde verlieren würde. Und zwischendrin der junge Lehrer Klinge, der vehement für Inklusion eintritt, aber auch feststellt, dass es unter den gegebenen Umständen nicht funktionieren kann: zu wenig qualifiziertes Personal, zu wenig Geld und manchmal sehr schwierige Kinder.

Und da ist man auch schon beim kleinen Haken der Sendung angelangt, den Problemen, die nur angedeutet wurden. Man stelle sich nur einen Augenblick lang vor, der Ehrlichkeit und Vollständigkeit halber: Günther Jauch hätte nicht nur die erfolgreiche Carina Kühne eingeladen, sondern auch jemanden, der – wie es Lehrer Klinge aus dem Schulalltag schilderte - schwer geistig behindert oder stark verhaltensauffällig ist, jemand , der über Tische und Bänke geht, herumschreit? Jemand, der tatsächlich „stört“?

Natürlich völlig undenkbar in einer Talkshow. Anders als in vielen Schulen.