Berlin - Die Tochter scheint so mutig und entschlossen, wie es der Vater einst war. „Es gibt bereits eine Diktatur“, sagte Zhanna Nemzowa auf die Frage, ob Russland sich zur Diktatur entwickle. Und dass sie den Ermittlungsbehörden nicht traue, das sagte Nemzowa auch noch. Jenen Ermittlungsbehörden, die nun herausfinden sollen, wer Boris Nemzow unweit des Kreml erschoss.

Zwar wurden am Wochenende mehrere Männer aus dem Kaukasus in Moskau verhaftet. Sie sollen den Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf dem Gewissen haben. Nur: So richtig trauen wollten dem gestern Abend bei Günther Jauch nur wenige.

Der ARD-Talker hatte zum dritten Mal innerhalb weniger Monate die Lage in und um Russland zum Thema gemacht. Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, war ebenso gekommen wie die ARD-Journalistin Ina Ruck, ihr russischer „Kollege“ Wladimir Kondratiev, der Nemzow-Freund Alfred Reingoldowitsch Koch – und eben Nemzowa. Es wurde aufschlussreich.

Der Verdacht sitzt tief

Obgleich niemand weiß, ob die Verhafteten wirklich die Nemzow-Mörder sind und wer womöglich hinter ihnen steht: Der Verdacht, dass letztlich doch Putin der Auftraggeber ist, sitzt tief. Denn zu viele Journalisten und Regimekritiker sind in den letzten Jahren ums Leben gekommen, ohne dass man viel darüber erfahren hätte, warum. Ruck sagte mit Recht, eine unabhängige Justiz gebe es in Russland eher nicht. Umso hilfloser wirkte Platzeck, der nach Auflistung der Mordfälle mahnte, man solle doch die Ermittlungen abwarten, und hinzufügte: „Das Gesamtbild hilft uns nicht weiter.“ Schließlich sei man doch „auf dem Weg der Hoffnung gewesen“.

Ganz so, als störe der Mord und als müsse man sich ein anderes Bild zurechtinterpretieren, um bloß ja weitere Konflikte mit Russland zu vermeiden. Traurig, aber wahr: Der leutselige Platzeck bewegte sich ähnlich wie im Ukraine-Konflikt erneut am Rande der demokratischen Selbstverleugnung – aus blanker Friedenssehnsucht. Dabei hätte ihm der Journalist Kondratiev eine Lehre sein sollen. Der Mann, der sein zweifelhaftes Handwerk zu Sowjetzeiten lernte, streute in eher propagandistischer Manier den Verdacht, Nemzow sei von Islamisten ermordet worden, weil er sich gegen die jüngsten Attentate von Paris gewandt habe. Es war wie in den 70er Jahren im Internationalen Frühschoppen von Werner Höfer, in dem russische Journalisten regelmäßig wie Kreml-Sprecher auftraten.

Zentrale Rolle der russischen Medien

Ohnehin spielten die russischen Medien in der Sendung eine zentrale Rolle. Sie präsentierte nämlich allerlei Belege, dass es mit der Meinungsvielfalt im Land nicht so weit her ist. Andererseits musste auch Ruck einräumen, dass die übergroße Mehrheit der Russen mit Putin sympathisiere. Das mag der Propaganda des Fernsehens geschuldet sein. Freilich lässt sich das genau so wenig beweisen wie der Verdacht, Putin habe Nemzow aus dem Weg räumen lassen. Daran änderte selbst der aus New York zugeschaltete Schachspieler und Regimekritiker Garri Kasparow nichts, der betonte, es sei eine Katastrophe, wenn Putin an der Macht bleibe. Kasparow lebt in den USA, weil er Angst hat.

Wohl nicht zuletzt mit Rücksicht auf die vielen russlandfreundlichen Zuschauer erklärte Jauch zum Schluss, dass verschiedene Seiten denselben Sachverhalt völlig unterschiedlich beurteilten und dies wohl  noch eine Weile so bleiben werde. Vielleicht hat er gedacht: Die Sendung spricht ja für sich.

Zhanna Nemzowa, die sich mutig und stark präsentierte, möchte übrigens am 15. März nach Russland zurückkehren. Niemand kann ausschließen, dass es ihr dort irgendwann so ergeht wie ihrem Vater. In Putins Reich scheint vieles möglich.