Nach der Wahl ist vor der Sondierung, vor Koalitionsgesprächen, vor der Regierungsbildung. Und Weihnachten gibt‘s vielleicht ein neues Kabinett. Aber nur, wenn alle brav, ebenso geschmeidig wie standfest sind und durchhalten. Auch bei den Talkshows.

Günther Jauch hatte eingeladen und ließ seine Gäste (wieder einmal) viel heiße Luft ins weite Rund des Berliner Gasometers verströmen. Die Sondierung, dieses „große Strategiespiel um die Macht“ wurde flankiert von einer Mischung aus politischen Binsenweisheiten, larmoyantem Politik-Bashing und „Ich erzähl mal, wie’s früher war“- nämlich genauso.

Versuchen wir dennoch, etwas Saft aus der Zitrone zu pressen und wenden uns Hannelore Kraft zu. Sie wird allenthalben zur „Schlüsselfigur“ für die Willensbildung innerhalb der SPD gekürt. Warum: Nun, vielleicht weil sie den Klingelknopf fand, als die SPD-Verhandlungsdelegation bei der ersten Sondierungsrunde zunächst vor verschlossener Tür stand.

Inhaltliche Glanzpunkte, eine Meinungsführerin? Ja, wenn dieses Bekenntnis der NRW-Ministerpräsidentin: „Ich bin angetreten, um etwas zu verändern“, wenn dieses Plädoyer für das Streben nach und die Ausübung von Macht bei den Sozialdemokraten ausreicht – nun denn. Der Satz hat den gleichen Gehalt, als würde Pablo Picasso bekennen, dass er gerne malt.

Trotzdem: Bei den Sondierungsgesprächen mit der Union sitzt Kraft nun einmal mit am Verhandlungstisch, steht einer schwarz-roten Koalition aber „kritisch“ gegenüber. Weil die Sozialdemokraten tatsächlich Angela Merkel für ihre desaströse Vorstellung in der letzten großen Koalition verantwortlich machen. Dass man in dieser Zeit einen Vorsitzenden nach dem anderen verschlissen hat, wird gerne ignoriert. Die „Schlüsselfigur“ präsentierte zur Überraschung aller irgendwie noch eine Option: „Schlagkräftige Opposition“ heißt die Mission. Kein Mist, kein Witz, eher "Sorge". Also, will man den Sozialdemokraten zurufen:  Hände weg von der Macht!

Altmaier als Gebrauchtwagenhändler

Aber da säuselte dann doch Bundesumweltministers Peter Altmaier dagegen. Im Vorfeld hatte er  sowohl die große Koalition als auch ein schwarz-grünes Regierungsbündnis für möglich gehalten, wollte  keine der beiden Verbindungen grundsätzlich ausschließen. „SPD und Grüne stellen sich ihrer Verantwortung. Gutes Zeichen für die Demokratie", hatte der Minister, der kaum einen Gedanken bei sich halten kann,  getwittert. Bei Jauch flötete er in Richtung Hannelore Kraft: „Die Hürden sind nicht unüberwindbar“. Das hörte sich so an wie bei einem Gebrauchtwagenhändler: Über den Preis können wir reden. Politiker sagen natürlich nicht Preis, sondern Inhalt. Im Volksmund heißt es auch Basar.

Weshalb in Berlin natürlich die Stunde der Taktierer gekommen ist. Und als solcher wurde bei Jauch Theo Waigel in die Arena geführt: Er kenne schließlich das Schachern, der bajuwarische Pfundskerl. Zwischen 1982 und 1994 war der CSU-Politiker an allen Koalitionsverhandlungen beteiligt. „Allerdings war das fünf Mal mit der FDP“, gestand Waigel. Was sich ein bisschen so anhörte, als ob das nicht so richtig zählen würde.

Waigels Maxime für die derzeit laufenden wie überhaupt alle Sondierungsgespräche: Vertrauen, Anstand, inhaltliche Bestandsaufnahme und „Klappe halten“- weshalb ja die Polit-Prominenz ja auch so gerne in Talkshows geht. Den Rest verstehen wir  eher als einen Appell an grundsätzliche Umgangsformen.

Bueb als Oberlehrer

Dies war der Moment des Bernhard Bueb. Der Philosoph, Theologe und Pädagoge leitete bis 2005 das Internat Schloss Salem am Bodensee, in diesem Jahr veröffentlichte er sein Buch „Die Macht der Ehrlichen." Bueb nun wünscht sich, dass bei allem Taktieren und Machtgeplänkel die Ehrlichkeit nicht auf der Strecke bleibt. Als Seismographen für das fehlende Vertrauen des „nachdenkenden Bürgers“ in die Politik sieht er die „Harte Schärfe des Kabaretts“. Hoppla, dachte man: Nachdenken, Kabarett!

Bueb hatte in der vergangenen Woche zur Vorbereitung auf die Talkshow bei Jauch „Neues aus der Anstalt“ und die „heute-show“  geguckt. Dass das nun beides Beiträge aus dem ZDF sind, könnte ARD-Jauch unter Umständen ärgern. Noch schwieriger allerdings ist die Vorstellung, dass der absolut humorfrei wirkende Bueb sich zu später Stunde die öffentlich-rechtlichen Humoristen zu Gemüte führen musste. Ob er gelacht hat? Und Altmaier kalauerte auch direkt dagegen. „Politik wird nicht im Kabarett, sondern im Kabinett gemacht“.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch der Journalist Michael Jürgs eingeladen war, der  wiederum die Sondierungsgespräche mit dem Zubereiten eines Gulasch verglich: Das Fleisch läge auf dem Tisch, Themen wie Mindestlohn oder Steuererhöhung wären die  „Gewürze“. Na,  dann sind wir aber gespannt, wie das Weihnachtsessen wird.

Werben um Hannelore Kraft

Blieben von dem Abend im Gasometer noch drei bemerkenswerte Beobachtungen: Das auffällige Werben der Unionsvertreter um Hannelore Kraft, deren barsche Reaktion, sie wolle Schwarz-Grün im Bund, um die SPD-Chancen in NRW zu verbessern (Kraft: „Selten so viel Unsinn gehört“) und  Buebs Vorschlag für eine Minderheitsregierung, damit Merkel endlich einmal Farbe bekennen müsste.

Ansonsten war‘s wie immer: In all den Wochen, Monaten, Jahren und Jahrzehnten, die man sich mit Politik beschäftigt, dreht es sich im Grunde immer um dieselben Themen: Rente, Bildung, Gesundheit, Staatsverschuldung, Steuergerechtigkeit und Arbeitslosigkeit. Und jetzt wird also in Berlin sondiert, wer in den kommenden vier Jahren diese Themenpalette unerledigt hinterlässt.

An den um Originalität bemühten Günther Jauch noch der Hinweis: Beim Doppelkopf – Jauch versuchte,  mithilfe des Kartenspiels Hannelore Kraft zu einem ersten Statement zu bewegen – gibt es keinen Durchmarsch. Den kennt man nur beim Skat. Bei seinem „Millionärs“-Quiz hieße das: Scheitern an der 100-Euro-Frage.