TV-Kritik zu „Hart aber fair“: Harmonische Empörung über die WM in Katar

Köln - Plötzlich redeten alle über – Weihnachten, über den Respekt vor der Religion und von der  Missachtung christlicher Gebräuche. Wolfgang Huber, evangelischer Theologe, ehemaliger  EKD-Ratsvorsitzender, predigte fast: Das Christentum wirke in die Welt hinaus, Weihnachten wäre mithin auch etwas für Nichtchristen. Und am 23. Dezember 2022,  wenn die Deutschen denn im Fußball-WM-Endspiel sein sollten, würde er nicht auf die Fanmeile in Berlin zum Public Viewing gehen, während die Kicker im höllenheißen Katar gegen den Ball treten. Kein Kniefall vor den Wüstensöhnen!

Auch die TV-Zuschauer fürchteten sich vor einer gestörten Weihnachtsstimmung. Das werde doch nur zu Streit in der Familie führen: die Frau muss zu Hause das Fest vorbereiten, während sich der Mann mit Glühwein zuschüttet. Und der Grüne Jürgen Trittin, auch in der Plasberg-Runde, vermisste zwar nicht die Wärme im Herzen, sondern spürte die Kälte ums Gesäß: „Ich habe keine Lust, mir den Hintern abzufrieren“.

Krippe, Kicken und Katar – das geht also gar nicht.

Für den Kirchenmann Huber war klar: Schon die Vergabe, bei der die Wüstensöhne die empfänglichen Fifa-Vertreter wohl gefügig gemacht haben,  korrupte Katar war „ein Krebsübel“, ein Skandal der sich fortgesetzt habe. Niemand wird sagen können, er hätte das alles nicht gewusst, geahnt, vermutet: Spätestens nach der  sündhaft teuren Handball-WM mit einer vom Gastgeber zusammengekauften Mannschaft weiß man, wohin die Reise geht.

Spätestens seit der Vergabe der Fußball-WM nach Katar ist die Erkenntnis gereift: die Scheichs können sie kaufen, auch wenn das Finale dann kurz vor Heiligabend stattfinden muss. Sport, Luxus, Waffen - es scheint, wir liefern an diese Diktaturen alles, Hauptsache die Kasse stimmt. Und außerdem, appellierte ein Zuschauer an die Christenheit, muslimische Mannschaften hätten bei der letzten WM in Brasilien schließlich auch während des Ramadan gespielt.

Im Grunde war sich die gesamte Runde bei Frank Plasberg einig, so viel Harmonie bei der Empörung war selten bei „hart aber fair“. Zwar mahnte Anton F. Börner, Unternehmer und  Präsident des Bundesverbandes Großhandel, zu Beginn noch den Sinn des Wandels durch Handel an, warnte vor der „reinen Lehre“ der Menschenrechtler, verwies auf die Segnungen eines permanenten Austauschs: „Großveranstaltungen verändern oft die Situation“. Ja, sagte  Trittin, aber dieser Handel „kann nur etwas bewirken, wenn sich auch Strukturen ändern“ – u und erinnerte an die erkennbar ausgebliebene Demokratisierung nach den Winterspielen in Sotschy.

Hier übrigens keilte der Grüne, ganz Parteipolitiker, gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Saudi-Arabien zum größten Waffenkunden der Deutschen gemacht habe. Es sei ganz anders, hielt Thorsten Schäfer-Gümbel (stellvertretender SPD-Vorsitzender), dagegen und verteidigte „seinen“ Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der sich ja momentan in der Golf-Region aufhält: Gabriel habe ja nun gerade die Lieferung von Rüstungsgütern drastisch eingeschränkt. Dieser Ausflug ins parteipolitische Geplänkel blieb der einzige an diesem Abend – was die Sendung zu einer der erträglicheren werden ließ.

Ansonsten war viel, sehr viel von Moral die Rede. Die Einspielung von Franz Beckenbauer fast zur Lachnummer, der mit Blick auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in den katarischen WM-Stadien festgestellt hatte, er habe nicht einen Sklaven gesehen. Pikanterweise eine Beobachtung, die wohl auch Stefan Effenberg, ehemaliger Profi-Fußballer gemacht hatte, der zum Abschluss seiner aktiven Zeit für den Verein Al-Arabi in Katar spielte: „Ich kann das so bestätigen“.

Effenberg hatte den schwierigsten Part an diesem Abend, war felsenfest davon überzeugt, dass die Fußball-WM in Katar gespielt würde, er sehe das außerdem „rein sportlich“. Sorgte sich dann aber viel mehr um die WM in Russland wegen der Ukrainekrise. Da ging allerdings keiner in der Runde drauf ein.

Und so zeigte sich, dass am Ende dieses ganze Thema letztlich eines ist, das sich zwischen Moral und Ethik, Menschenrechten und Wirtschaft, Religion und Geld abspielt. Wie aberwitzig die Gemengelage ist, wurde am ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger deutlich. Er werde für die WM-Verlegung in den Winter stimmen – obwohl auch er im Prinzip gegen die Katar-Entscheidung ist. Ihm bleibt noch etwas Hoffnung, dass ein Untersuchungsbericht die Korruption bei der Vergabe öffentlich macht und so die WM in der Wüste noch gekippt wird. Hoffen darf Man ja noch!

Wolfgang Huber war das weniger hoffnungsvoll, geißelte die „Käuflichkeit des Sports“ und – man lese und staune: die „Selbstvergleichgültigung“ des westlichen Menschen.  Das Wortungetüm war die Reaktion auf eine unglaubliche Geschichte, die vom spanischen Fußballclub Real Madrid erzählt wurde: Die Königlichen hatten -  rein vorsorglich - auf den neuen Trikots im Vereinsemblem, das eine Krone zeigt, das christliche Kreuz weggelassen – aus Angst, den neuen – muslimischen - Sponsor aus Abu Dhabi zu verärgern. Eine vorauseilende Retusche, sozusagen, die Madrilenen sind zu Kreuze gekrochen.

Kommentar des Fußballers Effenberg: „Leider Gottes eine Frage des Geldes“.