Schizophrenie ist ein schöner Zustand, da kann man Dinge behaupten, die sich glatt widersprechen, und mit der Realität muss man sich schon gar nicht auseinandersetzen.

Insofern kann man die Alternative für Deutschland (AfD) glücklich schätzen, zumal deren sächsische Landesvorsitzende Frauke Petry. Wie die jetzt bei Maybrit Illner sich mit ihrem einzigen Argument verrannte, das hatte schon eine klinische Dimension.

Die AfD-Frau wiederholte unablässig, dass es „Gerechtigkeit“ gegenüber den Asylbewerbern geben müsse – in der Form, dass die Abgelehnten auch wirklich abzuschieben seien. Und dafür demonstrierten die Menschen in Dresden und anderswo. Das seien ja keine Ausländer- und Islamfeinde. Nur musste sich die Dame von ihrem Nachbarn İmran Ayata, einem deutschen Autor mit türkischen Wurzeln, daran erinnern lassen, was der Name „Pegida“ bedeutet: "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes".

Unter dem Motto "Aufstand für das Abendland – Wut auf die Politik oder Fremdenhass?“ durfte Frauke Petry bei Maybrit Illners Talkrunde das Durcheinander in ihrem Kopf demonstrieren. So sagte sie auf Illners Frage, ob sie wie einige ihrer Parteifreunde auch an den Demonstrationen teilnehme, die Ihr Vorsitzender Bernd Lucke so gut findet, dass sie „andere Aufgaben als Landesvorsitzende“ habe. Ob sie irgendwo irgendwie doch ahnt, dass da ein Popanz aufgebauscht, ja aufgeputscht wird, der demnächst in sich zusammenfallen muss, weil es ihm zum einen an Substanz mangelt und sich zum anderen die Rechtsextremen bei Pegida über kurz oder lang mit den braven Bürgern unter den Protestierern in die Haare kriegen werden?

Denn wenn einer wie der Pegida-Gründer Lutz Bachmann, wegen „Einbruch, Diebstahl, falscher Verdächtigung, Anstiftung zur Falschaussage, Verletzung der Unterhaltspflicht, Trunkenheit am Steuer und Körperverletzung vorbestraft (laut Wikipedia), dort weiter sein Unwesen treibt, werden die ihm nicht mehr folgen, die angeblich „nichts gegen Ausländer haben, aber...“ Frauke Petry übrigens ficht es nicht an, dass der kriminelle Bachmann nicht gerade für die deutschen Werte steht, die sie doch so hoch hält – wenn schon schizo, dann aber konsequent.

Phänomen ernst nehmen

Aber ist denn was dran, an den Protesten, fragte Illner, die allgemeine Politiker-Lesart aufgreifend, dass man das Phänomen ja doch ernst nehmen müsse. Rasch waren sich die meisten in der Runde einig, dass es sich bei dem Bündnis um eines handelt, in dem sich Modernisierungs-Verlierer wiederfinden, so der Grüne Cem Özdemir, oder auch „Transformations-Verlierer“, wie Frank Richter formulierte, Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in Dresden. Diese Menschen seien seit der Wiedervereinigung bei sich selbst noch nicht richtig angekommen, und deshalb auch nicht fähig, Fremde willkommen zu heißen. Richter wies da auch auf die niedrige Wahlbeteiligung hin. Wobei der Hinweis nicht ganz unwichtig ist, dass etwa in Sachsen gerade einmal 0,4 Prozent der Bevölkerung Muslime sind.

Wie überhaupt das Problem der „Fremden“ im Allgemeinen und der „Muslime“ im Besonderen auf eine gerade zu absurde Weise aufgeblasen wird. Denn die Zahl derer, auf die sich Pegida und andere rechte und rechtsextreme Gruppierungen beziehen, sind ja verschwindend gering. Denn was sind 200 000 Asylbewerber in diesem Jahr bei einer Bevölkerung von gut 80 Millionen? Doch der bayerische Innenminister Joachim Hermann meint, Asylbewerberzahlen wie ein Menetekel an die Wand malen zu müssen, und seine Spezln von der CSU haben in der Vergangenheit kräftig ins fremdenfeindliche Horn geblasen, wie ein Einspieler belegte.

Das war es, was İmran Ayata, dessen differenzierte Einlassungen leider oft untergingen unter dem Dauer-Gerede Hermanns, mit „Instrumentalisierungen des Ressentiments“ meinte. So brauchen sich die Politiker nicht zu wundern, dass der Rechtsextremismus den Anschluss an die Mitte der Gesellschaft gefunden habe, wie der Journalist Olaf Sundermeyer analysierte, der sich bei den verschiedenen fremdenfeindlichen Demonstrationen jüngerer Zeit umgetan und eine „dezentrale rechte Bürgerbewegung“ ausgemacht hat.

Frank Richter, wiewohl er klar sagte, dass in Dresden NPD und Hooligans mitmischten, fand, man müsse den Protestlern erstmal zuhören und versuchen, den Gesprächsfaden zu knüpfen. Ob die andere Seite dazu auch in der Lage ist? Zumal etwa das Einwanderungsrecht hochkompliziert ist, wie Özdemir auf Illners Frage, ob man ehrlich zu den Leuten gewesen sei, zugestand.  Aber es ändert nichts: Deutschland ist und bleibt ein Einwanderungsland, und das ist gut so – auch wenn diese Tatsache den User „Wolfgang66“ in der Kommentarspalte zur Sendung zu allerdüstersten Prognosen verleitete: „Leider muss man damit rechnen, dass in 200 oder 300 Jahren in Deutschland mehr Muslime als Nicht-Muslime in Deutschland leben.“ Allah ist eben groß...