Berliner Tagebücher von 1933: „Bald weht frischer Wind in Deutschland“

90 Jahre nach der Ernennung von Hitler zum Reichskanzler suchen die Öffentlich-Rechtlichen nach neuen Formen für die Erinnerung.

Borna bei Nacht
Borna bei NachtZDF

„Else kam aus der Schule mit dem Ruf ‚Heil Hitler!‘. Da wussten wir, Hitler ist Reichskanzler geworden! Endlich!“, schreibt eine ostpreußische Haushaltshilfe. „Bald weht frischer Wind in Deutschland“, notiert ein Dresdener Tischlergeselle. Dagegen befürchtet ein jüdischer Lehrer in Breslau den Bürgerkrieg: „Jedenfalls trübe Zeiten, besonders für uns Juden.“ In Berlin beschreibt Harry Graf Kessler die Atmosphäre beim abendlichen Fackelzug von SA und SS als „Faschingstimmung“. Der junge Arzt Willi Lindenborn marschiert mit und notiert: „Ganz Berlin auf den Beinen, und alle gepackt vom nationalen Feuer: Vaterland!“ Dies alles sind Tagebuchaufzeichnungen von einem historischen Tag: dem 30. Januar 1933.

„Hitlers Macht“ im ZDF

90 Jahre nach der Ernennung von Hitler zum Reichskanzler und der Machtübernahme durch die NSDAP ist es eine Pflichtaufgabe für öffentlich-rechtliche Sender, sich dieser Zäsur zu stellen. Doch welche Formen sind anno 2023 zeitgemäß? Die Zeiten, in denen sich Zeitzeugen vor der Kamera erinnern, sind hier längst vorbei. Das ZDF baut auf die bewährte Kombination von zeitgenössischen Bildern und der Bewertung durch ein Dutzend von Historikern. Die dreiteilige TV-Dokumentation „Hitlers Macht“ konzentriert sich stark auf die Biografie von Adolf Hitler, erzählt die Geschichte aus dessen Perspektive. So wird der Überfall auf Polen anno 1939 letztlich darauf zurückgeführt, dass er den Krieg lieber mit 50 als mit 55 führen wollte. Die Fixierung auf Hitler hat Tradition im ZDF: Stefan Brauburger führt die Zeitgeschichts-Redaktion seit zehn Jahren als gelehriger Schüler von Guido Knopp.

Für das dramatische Jahr 1933 bleibt in den insgesamt 135 Minuten nur eine Viertelstunde. Überflüssig sind die „Graphic Novel“-Einlagen mit einem verschwommenen „Führer“ – es gibt genügend reale Aufnahmen von ihm. Das jüngere Publikum wird im Netz angesprochen. In der zweiteiligen Doku „#HitlersMacht“ erklärt Moderator Mirko Drotschmann, warum Adolf Hitler ein Influencer seiner Zeit war, und zeigt Methoden auf, die auch heute funktionieren, etwa die Schwarz-Weiß-Malerei, überspitzte Darstellungen, das Polarisieren, dreiste Fake News, emotionale Ansprache, Redundanz, einfache Claims und zielgruppenspezifischer Content. In einer Dreiviertelstunde gelingt dieser Doku ein anschaulicher Schnellkurs.

„Berlin 1933 – Tagebuch einer Großstadt“ und „Hitler – die ersten 100 Tage“ bei Arte und im RBB

Doch wer nachempfinden will, wie die Deutschen das Jahr 1933 erlebten, welches breite Spektrum an Haltungen und Emotionen es gab, der kommt um die Tagebücher nicht herum. Längst sind die unmittelbaren Notizen zu wichtigen Quellen von Historikern wie Filmemachern geworden. Der RBB hat sich auf diesem Gebiet zum führenden ARD-Sender entwickelt. So lief jüngst der zweite Teil der Reihe von Artem Demenok über den Zweiten Weltkrieg: „Stalingrad – Stimmen aus Ruinen“ folgte auf „Moskau 1941 – Stimmen am Abgrund“. Volker Heise zeichnete 2020 mit seinem Zweiteiler „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ ein differenziertes Stimmungsbild und führt nun die Tagebücher des Jahres 1933 zusammen. „Mir kamen die Deutschen 1945 zu gut weg“, erklärte er bei der Premiere im Kino Delphi. „Der Anfang ist vom Ende überstrahlt worden.“ Um die Frage zu beantworten, wie die Gesellschaft einen solch verhängnisvollen Weg einschlagen konnte, haben Heise und sein Team vor allem nach raren Tagebüchern von Normalbürgern gesucht. Denn überliefert sind Aufzeichnungen vor allem von Intellektuellen wie Harry Graf Kessler und von Politikern, die oft schon mit Blick auf die Nachwelt schrieben – wie etwa Joseph Goebbels, der hier auch akustisch die Stimme der NS-Propaganda ist. Trotz seiner Suche hat Heise kein einziges Tagebuch aus der Berliner Arbeiterschaft gefunden.

„Berlin 1933“ blättert ein komplettes Jahr auf, beginnt also schon vor dem 30. Januar 1933. Die ersten 90 Minuten widmen sich den Monaten Januar bis April, der zweite Teil beginnt im Mai 1933. Eine zweite vom RBB verantwortete Tagebuch-Doku setzt erst am 30. Januar ein: „Hitler – Die ersten 100 Tage“. Die Langfassung steht in der ARD-Mediathek, die Kurzfassung läuft in der ARD. Natürlich gibt es zwischen den beiden Projekten Überschneidungen: So greifen beide Dokus auf dieselben Berliner Filmaufnahmen zurück, etwa beim Fackelzug am Tag der Machtübernahme, zum Reichstagsbrand, zum sogenannten Tag von Potsdam, den Bücherverbrennungen und zum 1. Mai auf dem Tempelhofer Feld. Mehrere Tagebuchschreiber werden in beiden Filmen zitiert, so der deutschnationale Arzt Willi Lindenborn, der sich der NSDAP anschloss, und die jüdische Ärztin Hertha Nathorff, die im Frühjahr 1933 entlassen wurde.

Trotz dieser Überschneidungen besitzen die beiden Dokus ihre eigenen Qualitäten. Der Berlin-Film von Volker Heise überzeugt als Stimmungsbild, das auch Platz lässt für Privates, mitunter Banales – das oft mit Spielfilmausschnitten bebildert wird. So bewertet Willy Lindenborn im Tagebuch seine wechselnden Liebschaften und das aktuelle Kinoprogramm, eine Hausfrau sorgt sich um ihre kranke Tochter. Das ARD-Projekt über die ersten 100 Tage von Eva Röger, Jürgen und Daniel Ast kann aus Tagebüchern aus ganz Deutschland schöpfen, ist politisch fokussierter und zeigt auch Stimmen aus der Arbeiterschaft – einer wesentlichen Zielgruppe der Nazis. Hochinteressant sind im ARD-Film nicht nur die Aufzeichnungen aus entgegengesetzten Haltungen, sondern vor allem jene, die noch während der ersten Monate 1933 eine Entwicklung durchmachen. So zeigt sich die Hamburger Hausfrau Luise Solmitz begeistert von Adolf Hitler. Die Gattin eines jüdischen Konservativen sorgt sich aber um den Antisemitismus, der schon im April zum ersten Boykott und zu Entlassungen führte. Zugleich deutet die massenhafte Verbreitung der Berliner Ereignisse über Rundfunk-Liveübertragungen in alle Winkel des Reiches an, wie stark die NSDAP auf die modernen Massenmedien setzte. Bitter sind die Ausblicke beider Filme: Viele Tagebuchschreiber starben in den kommenden Jahren oder wurden im KZ ermordet, so wie Erich Mühsam und Willi Cohn.

Hitlers Macht. Dienstag, 24. Januar und 31. Januar, 20.15 Uhr, ZDF, alle drei Folgen und Doku #Hitlers Macht in der ZDF-Mediathek
Hitler – Die ersten 100 Tage. Montag, 30. Januar, 23.35 Uhr, ARD, als vierteilige Doku-Serie in der ARD-Mediathek
Berlin 1933 – Tagebuch einer Großstadt. Dienstag, 24.Januar, 20.15 Uhr bei Arte; Samstag, 28. Januar, 20.15 Uhr im RBB