Berlin - Die gestreifte KZ-Kleidung wirkt wie ein Filmkostüm, die pausbäckige Helena lächelt in die Kamera, als posiere sie für ein Foto am Set. Dabei gehörte Helena Citronova zu den ersten Frauen, die 1942 nach Auschwitz deportiert worden waren. Die 20-jährige Tochter eines Kantors fiel bei einem Häftlingsprogramm durch ihre samtene Stimme auf – ein gleichaltriger SS-Unterscharführer verliebte sich in sie und stellte sie unter seinen persönlichen Schutz. Der kriegsinvalide Franz Wunsch besorgte leichtere Arbeit in der Effektenkammer und sorgte für eine medizinische Behandlung, als sie an Fleckfieber erkrankte. Aus Bildern von ihr bastelte er sich Fotomontagen über eine gemeinsame Zukunft nach dem gewonnenen Krieg: Er klebte Helenas ausgeschnittenen Kopf auf Frauenkörper am Meer oder in Venedig. Für die jüdische KZ-Insassin aber war diese Liebelei eine Überlebensstrategie. „Liebe war es nie“ – diesen Schlager musste sie Franz immer wieder vorsingen.

Diese besondere, ja durchaus skandalöse Beziehung lieferte schon mehrfach Stoff für die Medien: So 1972, als Franz Wunsch in Wien wegen seiner SS-Tätigkeit in Auschwitz angeklagt wurde, und seine Frau die in Israel lebende Helena bat, über ihren Mann auszusagen. Sie reiste tatsächlich an, würdigte ihn vor Gericht aber keines Blickes und sagte betont sachlich aus. Wunsch wurde freigesprochen, weil ihm nur Totschlag nachgewiesen werden konnte, der verjährt war. In einer israelischen Talkshow musste sich Helena dann mit ihrer Schwester Rozinka auseinandersetzen: Dank der Intervention ihres Geliebten konnte die Ältere zwar vor der Gaskammer gerettet werden, nicht aber ihre beiden Kinder.

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