Als Dieter Schröder 1996 Herausgeber der Berliner Zeitung wurde, herrschte Aufbruch in der Stadt und bei den hiesigen Medien: Berlin sollte New York und die Berliner Zeitung eine überregionale Zeitung werden. Erich Böhme hatte in den Jahren zuvor die Washington Post als Vorbild ausgerufen, ein Anspruch, der Schröder nicht behagte: Der 1931 im Berliner Osten geborene langjährige Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung interessierte sich für die Stadt, die Milieus, die Brüche, die Biografien.

Dieter Schröder hatte zuvor als Journalist Bonn, London und München kennengelernt. Wie alle, die damals nach Berlin kamen, war Schröder angezogen von dem Wilden und Unberechenbaren, das er im Osten vermutete. Manch einem, der kam, schien das Leben auf dem Boden der früheren DDR als ein existenzielles Abenteuer. Schröder erkannte sehr schnell, dass das Ost-Berliner Publikum nicht mit einer 08/15-Regionalzeitung abzuspeisen war. Als Mann der Hochkultur war er sichtlich erleichtert zu sehen, dass die Leser der Berliner Zeitung höchst anspruchsvoll und außerordentlich gebildet waren.

Daher warb er aus Überzeugung die besten Leute für die Zeitung an, von der Süddeutschen, der FAZ, der Wochenpost. Auch Berufsanfänger sollten in die Redaktion geholt werden, möglichst aus dem Osten. Ihm war wichtig, dass die Leute handwerklich exzellent, offen und neugierig waren. Politisch achtete er auf Vielfalt, wobei es damals noch eine klare Rollenverteilung gab: Der Herausgeber war bedingungslos pro Nato, die Redakteure waren kritisch. Schröder, der oft mit feinem Spott falsches Pathos konterkarierte, hatte ein ehrliches Faible für die „normalen Leute“. Er fühlte sich als einer von ihnen und kritisierte immer wieder die Arroganz von Journalisten. Er sah sich als Außenseiter, und bezog aus dieser Sicht seine Selbstachtung: Er wollte nicht zum Establishment gehören, um unabhängig bleiben zu können.

Seine Haltung kam auch in seiner Arbeit zum Ausdruck: Er war sich nicht zu schade, auch einmal eine Kurzmeldung zu schreiben, wenn Not am Mann war, und er mehr wusste als alle anderen. Seine Genre war natürlich der Leitartikel, das große Meinungsstück, dessen Qualität im Zeitalter vor der Meinungsinflation durch die sogenannten sozialen Medien tatsächlich noch die Währung war und über den Wert einer Zeitung entschied. Schröder hielt immer wieder Treffen mit den Lesern ab, bei denen er höflich und respektvoll zuhörte und die Kritik und die Wünsche der Leser an die Redaktion weitergab. 2001 endete seine Herausgeberschaft, er blieb der Zeitung als Autor lange verbunden. Nun ist Dieter Schröder in seinem Haus im oberbayerischen Bad Endorf gestorben. Er wurde 90 Jahre alt.