Berlin - Die Sendung „Total normal“ von und mit Hape Kerkeling schrieb sich mindestens zweimal in die Annalen der Fernsehgeschichte ein. Da wäre zunächst die Folge vom 4. Juli 1991, in der Kerkeling und sein Kompagnon Achim Hagemann als polnische Musiker ein pseudo-experimentelles Opernsolo vortrugen, das in dem Aufschrei „Hurz!“ gipfelte und nach dem Vortrag herrliche Interpretationen eines künstlerisch interessierten Publikums nach sich zog, das sich zumindest in Teilen intellektuell beleidigt fühlte.

Zwei Monate zuvor kam ein Sketch zur Ausstrahlung, der längst Kultstatus erlangt hat. Sein Sujet war nicht nur unfassbar lustig, sondern auch unerhört: Kerkeling gelangte als Königin Beatrix der Niederlande verkleidet mit einem Wagen samt Chauffeur auf das Gelände von Schloss Bellevue. Erst nach mehreren Minuten flog der Schwindel auf, und Kerkeling musste das Areal verlassen.

Aber von vorn: Wir schreiben den 25. April 1991, die Sicherheitsvorkehrungen am Berliner Sitz des Bundespräsidenten sind hoch, hat sich doch die (echte) Königin Beatrix zum Staatsbesuch angekündigt. Der damals 25 Jahre alte Kerkeling trägt royales Blau, Hütchen, Perücke und Perlenkette, als er im Wagen in Richtung Schloss Bellevue sitzt. „Beatrix in einer tollen Limousine in Berlin“, mit diesen Worten beginnt die falsche Majestät ihre spektakuläre Aktion, sie winkt aus dem Autofenster und wechselt ein paar launige Worte mit Claus, dem Fahrer, der wohl nicht zufällig den gleichen Namen trägt wie der Prinzgemahl.

Nach dem schnellen Verzehr einer Banane („Wer weiß, was es da zu essen gibt“) nähert sich der dicke Benz dem Schloss. Kerkeling winkt bei der Einfahrt auf das Areal fleißig weiter – „schön die Hand vors Gesicht, sonst sehen sie, dass ich nur die Trixi bin und nicht die Beatrix.“ Doch die falsche Königin kann vorfahren, in aller Ruhe aussteigen („Macht denn keiner die Tür auf?“), Hände schütteln und mit aufgesetztem holländischen Akzent ein „lecker Mittagessen“ einfordern. Sicherheitskräfte machen dem vermeintlichen Staatsgast zunächst bereitwillig den Weg frei, Fotografen eilen herbei. Ein niederländischer Pressevertreter ruft: „Ons Bea!“, also „Unsere Bea!“ Man hat Humor, der Spaß kann beginnen.

Auch als die Mogelpackung auffliegt, macht Kerkeling zunächst weiter: „Ich bin die Beatrix. Ich will lecker essen mit dem Präsidenten.“ Doch daraus wird natürlich nichts. Ein Mitarbeiter der präsidialen Pressestelle schiebt den Komiker energisch zurück Richtung Wagen. Kerkeling muss gehen, doch die Aktion ist längst geglückt. Ein hilfsbereiter Autofahrer aus Berlin schenkt ihm später noch sein Wurstbrot. 

IMAGO / Jürgen Schwarz
Kurz nach Kerkelings Auftritt trafen die echten Royals zu ihrem ersten Besuch im wiedervereinten Berlin ein. Vor dem Schloss Bellevue empfingen Bundespräsident Richard von Weizsäcker (r.) und seine Frau Marianne (l.) Königin Beatrix der Niederlande und Prinz Claus. 

Die Deutsche Presse-Agentur schrieb am Tag der Aktion: „Für einen Zwischenfall sorgte am Donnerstagmittag der deutsche Entertainer und Fernsehmoderator Hape Kerkeling kurz vor der Ankunft des niederländischen Königspaars am Berliner Schloss Bellevue. In schwarzem Samtkostüm mit leuchtend blauem Hütchen als Königin verkleidet fuhr Kerkeling in einer Staatskarosse vor die Schlosseinfahrt und stahl dem königlichen Gast die Show.“

Kerkeling selbst hatte 2018 in der Gala seine Gedanken von damals geschildert. Ihm sei mulmig zumute gewesen, so der heute 56 Jahre alte Entertainer. Im Lederpolster versinkend habe er sich damals gefragt, ob das wirklich eine gute Idee sei. „Kein halbwegs vernünftiger Sicherheitsmann wird mich je in dieser Aufmachung vors Schloss Bellevue lassen“, habe er gedacht. Und sich gefragt: „Welche Straftat begehe ich eigentlich gerade? Hausfriedensbruch? Majestätsbeleidigung? Gar Hochverrat?“

Doch die Reaktionen fielen gnädig aus: Der damalige Bundespräsident von Weizsäcker habe ihm später verraten, dass er die Nummer ziemlich unterhaltsam fand. Eine offizielle Reaktion vom niederländischen Königshaus gab es nie.