Erleuchtet, aber tot: Hessener „Tatort“ über fatale Psycholyse

Martin Wuttke gibt sein „Tatort“-Comeback und schickt als Sekten-Guru ein paar Jünger in den Tod. 

Dr. Adrian Goser (Martin Wuttke) hat seinen Schäfchen ein paar Tropfen mitgebracht.
Dr. Adrian Goser (Martin Wuttke) hat seinen Schäfchen ein paar Tropfen mitgebracht.HR/Bettina Müller

Die markante Stimme von Martin Wuttke führt in eine seltsame Sektensitzung in einer Villa. Der Anführer will mit seiner Gruppe eine Reise zum Ursprung antreten, in tiefere Schichten des Bewusstseins vordringen und das dritte Auge öffnen. Doch die Gruppensitzung endet im Desaster. Nachdem alle ein Sektglas mit berauschenden Substanzen getrunken haben, taumeln sie zunächst umher, wälzen sich dann aber unter Atemnot auf dem Boden. Einer entmannt sich, einer hält sich für einen Drachen und springt vom Balkon, eine krabbelt bellend umher. Am Ende sind alle sechs Teilnehmer tot – überlebt hat nur der Anführer.

Die sogenannte „Psycholyse“, bei der psychedelische Drogen zur „Bewusstseinserweiterung“ eingesetzt werden, hat schon mehrfach für Schlagzeilen gesorgt. So starben 2009 in Berlin zwei Teilnehmer bei einer Sitzung des „Therapeuten“ Garri Rober – Adrian Gosen heißt nun der Psychotherapeut im „Tatort“ aus Hessen. Mit dieser Figur gibt Martin Wuttke nach sieben Jahren mal wieder ein Gastspiel im „Tatort“. Von 2008 bis 2015 hatte er in 21 Fällen den Leipziger Kommissar Keppler gespielt, seine Partnerin war Simone Thomalla. In „Leben Tod Ekstase“ trifft er nun auf seine frühere Lebenspartnerin Margarita Broich – die beiden waren 25 Jahre lang ein Paar.

Ein Maskenmörder und Arnold Schwarzenegger

Die Figur des Psycho-Gurus steht im Zentrum des Falls. Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) müssen herausfinden, ob die fatale Psycholyse ein Unfall, ein Anschlag oder gar ein kollektiver Selbstmord war. Die beiden Kommissare begegnen dem Phänomen aus klar verteilten Perspektiven, so wie kürzlich das Duo in Wien beim Thema Exorzismus. Während Brix die „Psycholyse“ für Mumpitz und die Teilnehmer für „verdammte Freaks“ hält, entpuppt sich Janneke als empfänglicher, hat sämtliche Bücher von Gosen gelesen, sogar dessen Kinderbuch mit dem wundersamen Titel „Fang mit mir den Fliegenpilz“.

Zusammen mit zwei Polizisten und Gosens Anwältin bringen Janneke und Brix den Psycho-Guru in Handschellen in die ominöse Villa zurück, um den Ablauf des Abends zu rekonstruieren. Gedreht wurde am passenden Ort: Die Villa Meister in Königstein diente tatsächlich mal als Rehabilitationsklinik für Suchtkranke.

Zunächst scheint sich der Krimi auf die Auseinandersetzung zwischen den Ermittlern und dem Psycho-Guru zu konzentrieren. Wuttkes Figur bleibt ambivalent und undurchschaubar, sie ist so eloquent wie arrogant. In Flashbacks wird die Vorgeschichte der Gruppe erzählt. Zwei frühere Teilnehmer, eine Performance-Künstlerin und ein traumatisierter Bundeswehrsoldat, bleiben verschwunden. Doch dann schlägt der Disput über Sinn und Unsinn der „Psycholyse“ in einen Horror-Thriller um: Ein Fremder mit Maske verriegelt die Villa und tötet einen nach dem andern.

Nikias Chryssos (Autor) und Michael Comtesse (Co-Autor und Regisseur) verbinden hier spielerisch Spannung und Humor. Sie finden für die psychedelischen Szenen rauschhafte Bilder und lockern das Geschehen in der Villa immer wieder mit bizarren Details und amüsanten Dialogen auf. So veranstaltet der Psychotherapeut eine Art Rollen-Quiz über die Filme von Arnold Schwarzenegger und behauptet, dass die Wahl eines Lieblingsfilms so prägend sei wie Sternzeichen, denn Schwarzeneggers Filmbiografie umfasse die komplette menschliche Erfahrung. Brix nennt den „Terminator“, den Vollstrecker, und hat zum Schluss einen Vorschlag für Kollegin Janneke parat: Für sie passe der „Kindergarten Cop“.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Tatort: Leben Tod Ekstase. So, 16. Oktober, 20.15 Uhr, ARD