Als im Defa-Klassiker „Spur der Steine“ die beiden Gegenspieler im strömenden Regen zum ersten Mal aufeinandertreffen, da reicht der eine dem anderen die Hand und sagt: „Ich bin der neue Parteisekretär!“ Der angesprochene Brigadier kippt als Antwort einen Schwall Wasser aus dem breiten Zimmermannshut und entgegnet höhnisch: „Und ich bin Pittiplatsch, der Liebe!“ Die Szene mit Eberhard Esche und Manfred Krug hätte schon 1965 legendär werden können, wäre der mutige Film von Frank Beyer nicht von der SED-Führung erst verrissen, dann nach kurzer Zeit verboten worden. Erst 1990 kehrte der Film in die Kinos zurück – und die Szene sorgte immer noch für Lacher.

Pittiplatsch, der Kobold aus dem Kinderfernsehen, muss also zu den Dreharbeiten 1965 schon so populär gewesen sein, dass er auch außerhalb des kuschligen „Märchenlands“ zitiert wurde. Am 17. Juni 1962 war die Figur mit dem Puschel auf der Glatze erstmals aufgetaucht und hatte trotzig behauptet, er würde die ganze Nacht über aufbleiben – und das im Gute-Nacht-Gruß des Sandmännchen! Was für eine Kampfansage!

Doch natürlich konnte ihn sein Gastgeber Meister Nadelöhr schnell überzeugen, sich doch schlafen zu legen. Überhaupt ließ sich Pitti meistens von seinen Streichen abbringen, wollte er doch „Pittiplatsch, der Liebe“ sein. Meist brachte ihn das Schnatterinchen, die schon seit 1959 im Märchenland lebte, mit ihrer mütterlich-altklugen Art auf den rechten Weg zurück.

Die Figuren, die sowohl am Sonnabendnachmittag in der Sendung „Zu Besuch bei Meister Nadelöhr“, später „Zu Besuch im Märchenland“, als auch in den kurzen Einspielfilmen des „Sandmännchens“ auftraten, waren von der Künstlerin Emma-Maria Lange kreiert worden. Heinz Schröder führte und sprach den Pitti von Beginn an – und als die Figuren im Nachwende-Fernsehen abgewickelt wurden, ging er noch bis kurz vor seinem Tod 2009 mit ihm auf Tournee. Schröder sprach auch weitere populäre Figuren aus dem „Märchenwald“-Kosmos, etwa Herr Fuchs und Frau Elster und den Bär Bummi, der 1975 von einem sowjetischen Bruderbär Mischka abgelöst wurde. Als der populäre Gastgeber des „Märchenlands“, der Schauspieler Eckart Friedrichsohn, im Jahr 1976 starb, war es ein Schock für die DDR-Kinder – vergleichbar nur mit dem Tod von Winnetou.

Kannste glauben!

Äußerlich veränderte sich der Kobold Pittiplatsch über die Jahre. In der ersten Folge wirkte er noch etwas klapprig, später wurde er runder. Auf dem Cover meiner Schallplatte „Kommt und singt mit Pittiplatsch“ hat er braune Augen, meine Pittiplatsch-Puppe aber hat blaue Augen mit aufgemalten Wimpern. Auf der Schallplatte behauptete er, er müsse für den Besuch seiner Großmutter seine „Spielhose“ waschen – doch wer hat Pitti je in Hosen gesehen? Gern erzählte er, er nutze das Bügeleisen von Meister Nadelöhr als Rodelschlitten. Am meisten begeisterte er sich für Lebkuchen. „Ich bin der beste Pfefferkuchenesser der Welt – kannste glauben!“, betonte er auf der Platte. Sprüche wie „Kannste glauben“, „Ach Du meine Nase!“ oder „Platsch-Quatsch“ waren schon zu DDR-Zeiten in aller Munde und sind es im Osten bis heute. Die Eisbären Berlin feiern jedes eigene Tor in der Halle mit Pittiplatschs Kichern über die Hallenlautsprecher.

Während Pitti und Co auf der Bühne und im Pop populär blieben – die Sandmann’s Dummies kamen sogar in die Charts –, griff das Fernsehen jahrzehntelang nur auf das Archiv zurück, so auf über 500 „Abendgruß“-Folgen mit Pittiplatsch und Co. Erst 2019 drehte der RBB eine erste neue Staffel – Christian Sengewald als Pitti, Susi Claus als Schnatterinchen und Martin Paas als Hund Moppi treffen die Originale gut. In den 13 Folgen der neuen Staffel, die immer donnerstags beim „Abendgruß“ laufen, müssen die Figuren zeitgemäße Events absolvieren, etwa den „Pitti Song Contest“. Das Geburtstagsständchen „Pitti Pitti Birthday“ singt Bürger Lars Dietrich.

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Pittis erster Auftritt im Abendgruß mit Meister Nadelöhr

Auch einige der weitaus aufwändigeren „Sandmännchen“-Filme wurden neu produziert – sie werden nicht mit Handpuppen gespielt, sondern in der klassischen Stop-Motion-Technik mit 25 Bildern pro Sekunde animiert. Das Studio wurde im früheren RBB-Shop am Kaiserdamm eingerichtet. Am 16. Juni läuft ein erstmaliges „Gipfeltreffen“ zwischen dem Sandmann und Pittiplatsch und Co, was einige Fragen aufwirft. Der stumme Sandmann kreuzt doch nicht etwa im Märchenwald auf und beginnt plötzlich zu sprechen – was eine echte Sensation wäre?! Nein, Pittiplatsch und Co treffen den Sandmann in dessen Revier, in einem Hochseilgarten. Die Szene ist technisch gewohnt sorgfältig animiert – doch ein Pitti, der seine vorlaute Klappe halten muss, der ist halt nur eine stumme Puppe neben anderen!

Nicht nur RBB, MDR und Kika veranstalten rings um den 60. Geburtstag des Kobolds, der eigentlich nie älter werden kann, ein regelrechtes Festival. Auch im Tierpark Berlin (18. Juni) und im Filmmuseum Potsdam (19. Juni) werden Pittiplatsch, Schnatterinchen, Moppi und Co gefeiert – und dürfen plappern, schnattern und kläffen.

Die lange Kobold-Nacht – 60 Jahre Pittiplatsch: 17.6., 00.05 Uhr bis 18.6., 6.55 Uhr, RBB, ab dem 11. Juni in der ARD-Mediathek. Weitere Informationen unter sandmann.de