Ataris Sternstunde: Mit „Pong“ begann das Zeitalter der Videogames

Anfang der 70er-Jahre gründeten die Ingenieure Bushnell und Dabney die Firma Atari. Vor 50 Jahren veröffentlichten sie „Pong“ – die Geburt des Videospiels.

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Im Computerspiele-Museum in Berlin kann man sich in die Zeit der ersten Games zurückversetzen: Pong scheint immer noch Spaß zu machen, wie auf diesem Bild ersichtlich. imago images

Der Erfolg der „Pong“-Automatenversion  übertraf alle Erwartungen. Dabei verfügte das Spiel, das dem Prinzip des Pingpong folgt, lediglich über eine simple Grafik mit überschaubaren Spielmöglichkeiten: Ein Punkt (der Ball) bewegt sich auf dem Bildschirm hin und her, ein kleiner senkrechter Strich (der Schläger) wird von einem Spieler auf und ab gesteuert und lässt den Punkt zurückprallen.

„Ich brauchte etwas so Einfaches, damit es jeder Betrunkene in einer Bar spielen konnte“, erinnert sich Bushnell. Allerdings war die Spielidee nicht neu, der Atari-Chef hatte sie bei einer Präsentation der Firma Magnavox gesehen und „adaptiert“ – was nicht folgenlos bleiben sollte.

Gamer geben heutzutage 100 Milliarden Dollar im Jahr aus

Aber von vorne: Bereits 1958 hatte der amerikanische Physiker William Higinbotham am Kernforschungszentrum Brookhaven National Laboratory (BNL) ein Spiel namens „Tennis for Two“ entwickelt. Er wollte einen „Tag der offenen Tür“ ein wenig aufpeppen. Statt ballistische Raketenflugbahnen auf Fotowänden mit Texttafeln zu erläutern, ließ er die Besucher selber aktiv werden. Seine Hardware bestand aus einem Analogcomputer und einem runden, etwa zwölf Zentimeter kleinen Oszilloskop. Mit diesem Messgerät können Spannungsänderungen in einem elektrischen Stromkreis mittels einer Lichtspur auf einem Bildschirm dargestellt werden.

Das Spiel nutzte noch keine „Videosignale“, Higinbothams System funktionierte durch das Zusammenspiel in einem Transistorschaltkreis, der am Computer unterschiedliche Ausgabeimpulse erzeugte. Es war vermutlich die erste Computeranwendung, die nur der Unterhaltung diente. Das Potenzial seiner Idee erkannte er aber nicht: Aktuellen Schätzungen zufolge geben Gamer weltweit jährlich mehr als 100 Milliarden Dollar für Spiele, Hard- und Software aus.

Zwar tauchte „Tennis for Two“ 1959 bei einem weiteren „Tag der offenen Tür“ modifiziert wieder auf. Der Bildschirm hatte nun eine Diagonale von 36 Zentimetern und die Spieler konnten sowohl die Stärke jedes Schlages als auch die der Gravitation beliebig verändern. Doch danach wurde das System zerlegt und die einzelnen Bestandteile anderen Aufgaben zugeführt. Higinbotham ließ „Tennis for Two“ weder schützen noch patentieren, das Spiel geriet erst einmal in Vergessenheit.

Vorläufer „Tennis for Two“

Mitte der 1960er-Jahre experimentierte in den USA der deutschstämmige Erfinder Ralph Baer mit Bildschirmspielen. Vermutlich kannte er auch „Tennis for Two“. Schließlich entwickelte er 1966 den Prototyp der ersten Konsole überhaupt, die sogenannte Brown Box. Sie konnte an handelsübliche Fernsehempfänger angeschlossen werden. Mit der Box wurde auch ein Pingpong-Spiel geliefert, das er sich damals patentieren ließ.

Nolan Bushnell und Ted Dabney neben einer der Pong-Konsolen.
Nolan Bushnell und Ted Dabney neben einer der Pong-Konsolen.imago images

Dieses Patent kaufte ihm die Firma Magnavox ab und vermarktete es unter dem Namen „Elektronisches Spiel Odyssey“ – ab 1972 auch in Deutschland. Im gleichen Jahr sah Bushnell während einer Messepräsentation das Spiel und entwarf daraufhin einen „Pong“-Automaten für Atari. Rechteinhaber war jedoch Magnavox und vor Gericht konnte die Firma durch einen Gästebucheintrag belegen, dass Bushnell das Pingpong-Spiel während ihrer Vorführung gesehen und gespielt hatte. Für die Nutzung des Patents von Magnavox zahlte Atari nach einem Gerichtsurteil 700.000 Dollar, wurde so allerdings zum alleinigen Lizenzinhaber.

Für Atari eine gute Investition, da sie schon bis März 1973 mehr als 1000 Automaten verkauften. Weil der Begriff Pingpong bereits geschützt war, kamen die beiden Parteien überein, das Spiel künftig einfach „Pong“ zu nennen. Im Juli des Jahres brachte Atari ein zweites, münzbetriebenes Spiel unter dem Namen „Space Race“ auf den Markt. Bis Jahresende verkauften sie mehr als 6000 Pong-Maschinen, der Firmenumsatz lag monatlich bei einer Million Dollar und der Jahresgewinn bei 3,2 Millionen Dollar. „Ich hatte das Videospiel nicht erfunden – ich hatte es kommerzialisiert“, stellt Bushnell rückblickend fest.

Der „Pong“-Automat basierte übrigens nicht auf einem Mikroprozessor mit einem Programm, sondern auf einem fest verdrahteten, teils digitalen, teils analogen Schaltkreis – er war daher kein Computer. Inzwischen erschienen immer mehr „Pong-Clones“ und viele Kopien waren so gut gemacht, dass es bald mehr Konkurrenzprodukte als originale Atari-Maschinen gab. Aber einen Gerichtsstreit mit jedem einzelnen Nachahmer konnte und wollte sich der Hersteller nicht leisten.

Dennoch trieb Atari die Spieleentwicklung weiter. Bald gelangten auch „Double-“ und „Quadra Pong“-Versionen in die Automatenhallen. Und in den Folgejahren veröffentlichte die Firma auch verschiedene Spielkonsolen, auf denen unterschiedliche „Pong“-Varianten vorinstalliert waren. Sie wurden unter der Bezeichnung „Home Pong“ vermarktet.

Thomas Gottschalk und die „Telespiele“

Daneben gab es Adaptionen des Spiels für nahezu alle Computer- und Betriebssysteme. Ende 1979 kam sogar in der DDR mit dem „Bildschirmspiel 01“ eine Version der Spielkonsole in den nationalen Handel. Im Projekt „Blinkenlights“ konnte „Pong“ 2001 auf einer Hausfassade gespielt werden, gesteuert per Mobiltelefon. Von 1977 bis 1981 spielte „Pong“ auch im deutschen Fernsehen in der von Thomas Gottschalk moderierten Fernsehsendung „Telespiele“ eine Rolle. Um die Schläger am Rand des Bildschirms zu bewegen, mussten Kandidatinnen und Kandidaten anstelle von Controllern aber ihre Stimme oder Musikinstrumente einsetzen.

Ab den 1980er-Jahren nahmen Videospiele eine rasante Entwicklung. Gefräßige gelbe Punkte, laufende und springende Klempner sowie mit Fässern werfende Affen eroberten die animierten Spielwelten. Die Umsetzung erfolgreicher Spielhallenhits wie „Donkey Kong“, „Space Invaders“ und vor allem „Super Mario Bros.“ sorgte ab 1985 ebenso für die massenhafte Verbreitung von Nintendos Heimkonsolen. Die simple Philosophie hinter allen Videospielen lautete: „Einfach zu lernen, schwer zu meistern“. Heute gelten alte Atari-Spiele wie „Pacman“, „Asteroids“ oder „Frogger“ mit ihrer klotzigen Pixel-Optik als zeitlose Klassiker.

2013 wurde das Computerspiel „Pong“ in die Dauerausstellung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen.