Berlin - Zwei Freundinnen richten sich im Bad für die Disco her. Das Haarewaschen könnten sie sich eigentlich sparen, meint Trixi zu Franka. Denn bei Südwind ziehe sowieso der Dreck aus den Kraftwerken in die Stadt.

Die Filmszene spielt anno 1988 in Leipzig. Wer damals abends am Hauptbahnhof ankam, wurde oft begrüßt von einer Luft, die gelb war von der schwefligen Braunkohle. Es ist kein Zufall, dass die Umweltbewegung der DDR in der Region besonders kräftig wuchs. Monika Maron hatte schon 1981 in ihrem Roman „Flugasche“ die Umweltkatastrophe beschrieben und durfte ihn nur im Westen publizieren. Peter Wensierski hatte die Umweltaktivisten als Westreporter immer wieder besucht und auch nach seinem Einreiseverbot als Autor des ARD-Magazins „Kontraste“ den Kontakt gehalten. 2017 porträtierte er die Akteure im Buch „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“.

Im Schutz der Kirche

Die Verfilmung durch die ARD übernahm den Titel und reale Ereignisse wie den Pleiße-Gedenkmarsch 1988. Thomas Kirchner, der schon „Der Turm“ und „Kruso“ in Drehbücher verwandelt hat, baut aber komplett auf fiktive Figuren – wie Franka (Janina Fautz). Die 19-Jährige begegnet auf dem Weg zur Disco einem Typen auf dem Fahrrad, der von der Polizei verfolgt wird und eine Tasche mit Flugblättern verliert. Die Aufrufe führen sie in eine Kirche, wo Umweltthemen diskutiert werden und wo sie Stephan (Ferdinand Lehmann), den Typen vom Rad, wiedertrifft. Verliebt und neugierig zugleich wird Franka Teil der Gruppe, bringt sogar frische Ideen ein und sich in Gefahr.

Die Vorgeschichte der Leipziger Herbstdemos 1989 ist schon mehrfach in TV-Dramen erzählt worden, etwa 1995 im ARD-Zweiteiler „Nikolaikirche“ von Frank Beyer. „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ aber ist nicht in erster Linie als historischer Film angelegt, wird deshalb auch nicht zu den üblichen Jahrestagen des Umbruchs gezeigt.

Drehorte in der historischen Umgebung

Zwar treten hier noch mal die typischen Vertreter der DDR-Staatsmacht auf: Torsten Ranft als aggressiver Stasi-Offizier, Torsten Michaelis als dogmatischer Staatsbürgerkunde-Lehrer und Tom Jahn als aufgeregter Parteisekretär. Doch diese drei wirken bei aller Härte auch schon hilflos und überfordert, bleiben zudem Nebenfiguren. Der Film des Regisseurs Andy Fetscher feiert dafür den risikofreudigen Aufbruchswillen, die kreative Stimmung unter den Leipziger Umweltaktivisten, die meist so jung sind, dass sie noch nichts zu verlieren haben – anders als Frankas Eltern (Inka Friedrich und Alexander Hörbe). Die Leipziger Öko-Kommune in einem Abrissviertel gleicht äußerlich ihren Pendants im Westen, ist 1988 aber ein besonders bedrohtes Biotop. Die Produzenten der Ufa haben ihre historischen Drehorte nicht, wie sonst üblich, in Tschechien gesucht, sondern in der Leipziger Umgebung gefunden, etwa in Weißenfels, wo es noch unsanierte Straßen gibt. Nur die Sprache ist nicht regional: Sächsisch sprechen dürfen nur die wütenden Volkpolizisten.

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Die Botschaft des Films soll wohl möglichst klar verstanden werden. Denn die „Leichtigkeit“ dieser Revolution besteht ja darin, wie leicht grüne Proteste zu politischen Kampfansagen werden können. „Um die Umwelt zu retten, mussten sie den Staat stürzen“, fasst es Drehbuchautor Kirchner zusammen. Das Schlusswort von Franka klingt wie eine Ermunterung an Bewegungen wie „Fridays for Future“: „Wir haben mit Umweltthemen angefangen. Aber ihr habt uns nicht gehört. Doch das heißt noch lange nicht, dass wir aufhören. Im Gegenteil: Jetzt geht es um Grundsätzliches.“

Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution – Mi, 28.4., 20.15 Uhr, ARD

Berlin - Zwei Freundinnen richten sich im Bad für die Disco her. Das Haarewaschen könnten sie sich eigentlich sparen, meint Trixi zu Franka. Denn bei Südwind ziehe sowieso der Dreck aus den Kraftwerken in die Stadt.

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