Was kann man gegen die Inflation tun? Und tragen deutscher Bio-Sprit und Fleischkonsum zur aufgrund des Ukraine-Kriegs erwarteten Hungersnot in Afrika bei? Um solche Fragen ging es am Dienstagabend in der Sendung von Markus Lanz. Laut dem Agrarökonomen Matin Qaim werden jährlich 15 Millionen Tonnen Getreide in Deutschland zu Bio-Ethanol und 3,5 Millionen Tonnen importiertes Palmöl zu Bio-Diesel: im Namen des Klimaschutzes, um von der Regierung vorgeschriebene Beimischungsquoten in Treibstoff zu erfüllen.

Dabei sei auf den Palmöl-Plantagen in Indonesien bis vor Kurzem noch Regenwald gewachsen, Palmöl also alles andere als nachhaltig. Und die Hälfte des Getreides, das Deutschland importiert, werde als Tierfutter verwendet. Doch angesichts der durch den Ukraine-Krieg drohenden Weizenknappheit im Nahen Osten, in Nord- und Ostafrika bekommt dies einen bitteren Beigeschmack. Über 100 Millionen Menschen leben in diesen Ländern. Sie sind nun von Hungersnot bedroht.

Hungernot in der Ukraine: „Russland hindert die Schiffe am Auslaufen“

In der Ukraine liegen derzeit 25 Millionen Tonnen Getreide in den Silos und können das Land nicht verlassen, da der Hafen von Odessa blockiert ist. „Russland hindert die Schiffe am Auslaufen“, sagte Qaim. Der Leiter des Zentrums für Entwicklungsforschung der Universität Bonn war der interessanteste Gesprächspartner in der Talkrunde, an der auch der Migrationsforscher Gerald Knaus, Mitgründer der Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative und Cordula Tutt aus der Parlamentsredaktion der WirtschaftsWoche teilnahmen.

Auf Lanz’ Frage, ob Putin versuche,  Hungerkrisen in Afrika zu erzeugen, um Flüchtlingsströme Richtung EU-Länder zu erzeugen, ging Qaim nicht ein. Putin nutze die Situation auf andere Weise, sagte er. Der russische Regierungschef schiebe die Schuld für die ausbleibenden Lieferungen auf die Sanktionen der EU, beliefere die betroffenen Länder selbst und bekomme auf diese Weise neue Anhänger in Afrika. Das verschafft ihm laut Qaim handfeste Vorteile. Denn diese revanchierten sich zum Beispiel mit russlandfreundlichem Abstimmungsverhalten bei den Vereinten Nationen.

Experte bei Markus Lanz: Die Weizenernte 2022 in der Ukraine droht auf den Feldern zu verrotten

Qaim erklärte auch, warum es so schwierig ist, das Getreide aus der Ukraine auf dem Landweg abzutransportieren. Allein 15.000 Güterzüge wären nötig. Das würde einen irrsinnigen logistischen Aufwand bedeuten, selbst in einem Land, in dem kein Krieg herrscht.

Die vollen Lager bedeuten laut dem Ernährungsexperten nichts Gutes für die kommende Ernte. Sie wird zwar etwa 70 Prozent der Ernte 2021 betragen, da im Westen der Ukraine laut Qaim noch immer einigermaßen normal die Felder bestellt werden können. Doch wenn das Getreide nicht eingelagert werden kann, wird es auf den Feldern verrotten. Weizenknappheit im Jahr 2023 ist deshalb bereits vorprogrammiert.

Dünger könne zur Produktionssteigerung in der Landwirtschaft nicht die Lösung sein, sagte Qaim. Düngemittel sei energieintensiv und belaste die Umwelt. Dagegen wisse man aus 30 Jahren Forschung, dass Gentechnik so sicher sei wie konventionelle Züchtungsmethoden. „Aber die lehnen wir Deutsche aus Arroganz ab.“ Und: „Wir können nicht alles extensivieren und damit dafür sorgen, dass der Hunger anderswo hochgeht oder die Regenwälder abgeholzt werden.“

Expertin bei Markus Lanz: Die Inflation wird hoch bleiben

Mit Hunger ist in Deutschland nicht zu rechnen, aber die Preise gehen hoch. Und das ist laut Cordula Tutt keine vorübergehende Erscheinung. „Die Inflation wird hoch bleiben“, sagte sie. Denn um die Abhängigkeiten Deutschlands von Import und vor allem Energie zu reduzieren, müsse die Industrie umgebaut, müsse Produktion nach Deutschland zurückgeholt werden. „Das alles ist teuer.“

Ob die Europäische Zentralbank nicht die Zinsen hochsetzen müsse, fragte Lanz immer wieder. Doch Tutt bestätigte dies nicht. Stattdessen warnte sie vor einer Lohn-Preis-Spirale, wenn man Forderungen nach Lohnerhöhungen angesichts steigender Preise nachgeben würde. Auch sagte sie: „Für Verschuldete ist Inflation nicht das Schlechteste.“ Verschuldet sind jedoch viele Länder, die deshalb möglicherweise gar kein Interesse daran haben, dass die Inflation durch Zinserhöhungen gebremst wird.

Und wieder wurde die Frage hin und her gewendet, warum sich Deutschland hinsichtlich seiner Energieversorgung in die Abhängigkeit von Russland begeben hat. „Die deutsche Politik hat sich naiv bis ignorant verhalten“, sagt Cordelia Tutt. Das russische Gas sei billig gewesen und zuverlässig geliefert worden. Der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) habe gewollt, dass der Markt herrscht – und nicht Vorsicht und umsichtige Politik in so einem wichtigen Bereich wie der Energieversorgung, könnte man hinzufügen.

Möglicherweise hätten dazu auch die zahlreichen ehemaligen Spitzenpolitiker beigetragen, die hohe Posten bei russischen  Energieversorgern innehaben oder -hatten: die einstige österreichische Außenministerin Karin Kneissl, Frankreichs ehemaliger Premier François Fillon, der finnische Ex-Regierungschef Esko Aho und natürlich der einstige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder.