Maria Simon und Nora Tschirner, Christian Ulmen, Matthias Matschke und zuletzt Charly Hübner – sie alle sind in den letzten drei Jahren aus „Tatort“ und „Polizeiruf“ im Osten Deutschlands ausgestiegen. Sie alle wollten sich offenbar nicht mehr auf die populären „Kommissars“-Rollen verlassen. Ihre Figuren erwartete im Finale der profane Ortswechsel oder der dramatische Tod im Dienst. Nun folgt Meret Becker mit ihrem Ausstieg – nach 15 Fällen in sieben Jahren.

Dass Nina Rubin Berlin verlassen könnte, ist ausgeschlossen – Meret Beckers schnoddrig-ruppige Kommissarin, die auch mit Ende vierzig noch Sexabenteuer in den rauen Clubs sucht, passt nirgendwo anders hin. Diesmal verschlägt es sie aber in ein plüschigeres Etablissement: Sie trifft sich dort abends mit der Frau eines aufstrebenden Russenmafia-Paten, die aussteigen will. Beide tanzen zum Rosenstolz-Klassiker „Liebe ist alles“. Tanzpartnerin Julie weiß auch, wer den verdeckten Ermittler in einer Bar mit einer Flasche Schampanskoje vor den Augen zahlreicher Gäste erschlagen hat: Die Polizei hatte zu Beginn die geköpfte Leiche aus der Spree gezogen.

Gewaltbereite Russen in Grunewald

Dass sich Julie Bolschakow selbst als „Mädchen, das allein nach Hause gehen muss“ beschreibt, verwundert allerdings: Denn die Gangsterbraut wird gespielt von Bella Dayne, die unter ihrem eigentlichen Namen Isabelle Knispel mal zur „Miss Germany“ gewählt wurde, in der Netflix-Serie „Troja“ auffiel und auch in ihrer ersten deutschsprachigen Rolle alle Blicke auf sich zieht. Dass Julie immer allein nach Hause gehen muss, mag man kaum glauben: Hat sich keiner oder keine an sie herangetraut?

Insgesamt wirkt die Story nicht besonders raffiniert – Autor Günter Schütter hat schon weit originellere Drehbücher geschrieben. Die Zeichnung der Russenmafia-Familien, die in vornehmen Grunewald-Villen residieren und zu brutalen Gewaltausbrüchen neigen, bleibt klischeehaft – kein Vergleich zur fulminanten ARD-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf.

Lange Zeit müssen Nina Rubin und ihr langjähriger Kollege Robert Karow (Mark Waschke) gegeneinander arbeiten und pfuschen sich gegenseitig in die Ermittlungen – warum, bleibt unklar. Die beiden LKA-Ermittler, die eine Affäre miteinander hatten oder noch haben, sich aber immer noch siezen, agieren zum Finale nach sieben Jahren so, als ob sie sich gerade erst kennengelernt hätten, schreien sich immer wieder an und werfen einander fehlendes Vertrauen vor. Das verstehe, wer will. Während Karow boshaft erklärt, Gefühle seien nur etwas für hässliche Menschen, stellt Rubin ihre Verlorenheit aus: „Ich habe den Kompass verloren, Hoffnung steht mir nicht, ich habe kein Talent zum Glück. Ich sehne mich nur danach.“

Kameramann Ngo The Chau, der diesmal auch Regie führte, schert sich nicht um die psychologischen und logischen Holperstellen des Drehbuchs, sondern will Nina Rubin einfach in kinoreifen Action-Bildern einen gebührenden Abgang bereiten. Manches gelingt, wie die schier endlose Flucht von Nina und Julie durch die unterirdischen Gänge des Flughafens, der auch hier zum Fluch-Hafen wird – so wurde der BER noch nie gezeigt! Einiges schießt übers Ziel hinaus: „Casablanca“-artige Abschiedsszenen am nebelverhüllten Kleinflugzeug sind schon zu oft zitiert und persifliert worden. Meret Becker beweist diesmal vor allem in den melancholischen Momenten ihre Klasse – sie wird dem „Tatort“ Berlin definitiv fehlen!

Wertung 3 von 5

Tatort: Das Mädchen, das allein nach Hause geht,  So, 22. Mai, 20.15 Uhr, ARD