Es ist Mai im Jahr 1987. Eine junge Frau liegt ausgestreckt im Morgennebel auf der Isar-Aue und scheint mit offenen Augen auf den Fluss zu blicken. Erst als die Kamera hinter sie fährt, wird klar: Die Frau ist tot. 35 Jahre später holen die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) das Kleid, die Schuhe und den Schmuck der Toten aus der Asservatenkammer, um den Fall noch mal aufzurollen. Der Grund: Der Mann, der damals für die Tat verurteilt worden war, ist kürzlich entlassen worden.

Prompt gibt es einen neuen Mordfall – und wieder wurden dabei, wie in dem Fall von 1987, einer Frau die Haare abgesengt. Da der Hochverdächtige geflüchtet ist, greifen die Ermittler zu ungewöhnlichen Methoden. Denn der Einzige, der vielleicht sagen könnte, wo der Psychopath untergetaucht ist, ist sein damaliger Gutachter (Peter Franke) – doch der ist inzwischen schwer dement. Um dessen Langzeitgedächtnis anzuregen, gehen die Kommissare in ein „Institut für dementielle Erkrankungen und Reminiszenztherapie“ und lassen dort sogar die früheren Arbeitsräume des Gutachters nachbauen.

Schon der 88. Fall für das Münchener Ermittler-Duo

Das in Ehren ergraute Duo bestreitet hier seinen 88. Fall, und schon öfter sind die Münchener von der konventionellen „Tatort“-Dramaturgie abgewichen. So wurde 2016 in der Folge „Die Wahrheit“ ein Mord aus heiterem Himmel nicht aufgeklärt und erst in einer späteren Folge fortgeführt.

Der aktuelle Fall setzt bei seinen Zeitreisen nur ganz spartanisch auf die üblichen Rückblenden und versucht stattdessen, in einer Art Labor-Situation die Erinnerungen im Kopf heraufzubeschwören. Immer wieder nehmen Batic und Leitmayr im „Reminiszenzraum“ neue Anläufe, stellen ihre Fragen aus immer neuen Perspektiven – doch zunächst ohne Erfolg. Dabei zweifelt vor allem Leitmayr am Sinn der Übung, fragt, ob sie den dementen Gutachter hier nicht als eine Art „Laborratte“ missbrauchen.

Dass der Krimi das Problem nicht etwa verharmlost, zeigen die privaten Szenen des Mannes, der von seiner Tochter betreut wird – Jenny Schily und Peter Franke breiten die ganze Tragik der Situation aus. Regisseur Andreas Kleinert, der sich nicht zum ersten Mal dem Thema widmet – für das Alzheimer-Drama „Mein Vater“ mit Götz George bekam er sogar einen Emmy –, erweist sich hier wieder als Meister der Schauspielerführung. Auch Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec werden zu einem ungewohnt nuancierten Spiel herausgefordert.

Ungewöhnlich auch, dass die Kommissare offenbar mehr wissen, als sie den Institutsmitarbeitern um den Professor (André Jung) und den Zuschauern preisgeben – im Regelfall fassen Fernsehkommissare ja alle paar Minuten ihre Ergebnisse und Absichten zusammen, um auch die Begriffsstutzigen und die Nebenbei-Gucker mitzunehmen. Zu sehen ist dagegen der Geflüchtete (Martin Leutgeb), der sich in einem Kellerverlies versteckt, bei Ausflügen aber versucht, den Gutachter zu stellen. Das Drehbuch der Krimiroutiniers Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser ist clever konstruiert, schlägt gegen Ende immer neue Volten, die das Bisherige in einem anderen Licht erscheinen lassen. Und Led Zeppelins Klassiker „Whole Lotta Love“ erweist sich als passender Soundtrack für die Tatnacht wie für den gesamten Film: Die Spannung steigt auf und ab, steigert sich unterschwellig und entlädt sich dann wie in einer Explosion.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Tatort: Flash, So, 19. Juni, 20.15 Uhr, ARD

Begleit-Doku „Tatort: Gehirn. Wie funktioniert Erinnern und Vergessen?“ in der ARD Mediathek