„Polizeiruf“ in der Lausitz: Adam Raczeks stiller Abgang

Bedeuten zerstörte Landschaften auch zerstörte Seelen? Dieser „Polizeiruf“ enttäuscht mit DDR-Klischees und glänzt zum letzten Mal mit Lucas Gregorowicz.

Der genderfluide Kommissaranwärter Vincent Ross (André Kaczmarczyk, l.) ermittelt zum letzten Mal mit Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, r.).
Der genderfluide Kommissaranwärter Vincent Ross (André Kaczmarczyk, l.) ermittelt zum letzten Mal mit Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, r.).rbb

Beim RBB herrscht nicht nur in der Chefetage ein reges Kommen und Gehen, sondern auch in den Krimireihen. Im „Tatort“ ließ sich Meret Beckers Kommissarin Nina Rubin in diesem Jahr erschießen, deshalb ermittelt Mark Waschke als Robert Karow  kommende Woche allein, bevor dann Corinna Harfouch dazustößt. Im „Polizeiruf“ verabschiedete sich Maria Simon als Olga Lenski Anfang 2021, und nun geht auch Lucas Gregorowicz als ihr Kollege Adam Raczek, mit dem sie zehn gemeinsame Fälle bestritt.

Der Ausstieg von Lucas Gregorowicz bedeutet das Ende der besonderen Konstellation des Brandenburger „Polizeirufs“ als deutsch-polnischer Brückenschlag im gemeinsamen Polizeirevier in Swiecko. Hier forderte der RBB die Zuschauer mit Untertiteln heraus, denn Gregorowicz durfte in seiner Muttersprache reden. Anders als beim Abschied von Olga Lenski, aus dem der Sender vorab ein großes Geheimnis machte, hatte sich das Ende von Raczek in den vorigen Fällen mit der Schlaflosigkeit und Tablettensucht des Ermittlers schon angedeutet. Lucas Gregorowicz zeigt die beeindruckende Charakterstudie eines Ausgebrannten, der in seinem oft deprimierenden Job keine Perspektive mehr sieht – ein stiller, aber starker Abgang.

DDR = Honecker-Porträts in Privatwohnungen

Wie Raczeks neuer Kollege Vincent Ross (André Kaczmarczyk), der in „Abgrund“ zum zweiten Mal antritt, den Brandenburger „Polizeiruf“ künftig alleine bestreiten soll, bleibt noch unklar. Zu wünschen wäre ihm ein bodenständiger Gegenpart. Der „genderfluide“ Typ, der im ersten Fall im Rock ermittelte und diesmal einen Kunstpelzmantel trägt und sich die Augen dick mit Kajal ummalt, wirkt nicht nur extrovertiert, sondern oft auch arrogant oder belehrend, etwas wenn er doziert, dass die Kommissare „produktiv mit kognitiven Dissonanzen umgehen“ müssten. Zu Beginn hält er dem älteren Kollegen Raczek ein Art Wikipedia-Vortrag über den Strukturwandel in der Lausitz.

Die Szenerie von „Abgrund“ ähnelt optisch und thematisch stark dem ARD-Sechsteiler „Lauchhammer“, der vor drei Monaten ausgestrahlt wurde. Ein einsames Wohnmobil steht an einem Tagebausee, der Braunkohlebagger dient als begehbares Museum, im Wald und unter dem Abraum werden die Leichen junger Frauen gefunden. Wie „Lauchhammer“ steigt auch der „Polizeiruf“ in die DDR-Geschichte zurück. Um den Zeitsprung anzudeuten, hängt in einer privaten Wohnung ein Honecker-Porträt – offenbar glauben die Ausstatter, das wäre damals so üblich gewesen. Leider stellt auch der „Polizeiruf“ die allzu simple Gleichung auf: zerstörte Landschaft gleich zerstörte Seelen. Raczek und Ross stoßen auf immer mehr Männer, die sich in Lügengebilden eingerichtet haben. Die Krimistory von Peter Dommaschk und Ralf Leuther bleibt eher routiniert als raffiniert, die Inszenierung von Stephan Rick wartet gelegentlich mit Horror-Schockmomenten auf, fließt sonst aber bedächtig dahin.

Ein realer Abschied bewegt mehr als die fiktive Story: Fritz Roth, der vor elf Jahren gemeinsam mit Maria Simon eingestiegen war und der als Polizeihauptmeister Wolle Neumann mit ihr nach Swiecko gewechselt war, ist hier, schon stark von seiner Krankheit gezeichnet, in seinem letzten „Polizeiruf“ zu sehen. Fünf Monate nach Abschluss der Dreharbeiten ist der Schauspieler, der viele prägnante oder komische Nebenrollen verkörperte, im Alter von 67 Jahren gestorben.

Wertung: 3 von 5 Punkten

Polizeiruf 110: Abgrund. Sonntag, 11. Dezember, 20.15 Uhr, ARD