Berlin - Die Frau des Dirigenten darf zwar immer in der ersten Reihe sitzen. Sie muss aber damit leben, dass ihr Mann stets den Takt angibt. Charlotte und Walter sind nach Jahren im Ausland gerade nach München zurückgekehrt. Er (Peter Simonischek) dirigiert Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 im Residenz-Theater, sie (Senta Berger) darf derweil in der Villa die Umzugskartons auspacken und das Essen vorbereiten, wenn er Künstlerkollegen eingeladen hat.

Auf sehr feinfühlige Weise darf Senta Berger „An seiner Seite“ auf Arte und im ZDF ihren 80. Geburtstag feiern, und dieser Film von Felix Karolus über eine Künstlerehe lädt zugleich dazu ein, auf die lange Laufbahn der Jubilarin zurückzublicken.


ZDF/Hendrik Heiden
Senta Berger mit Thomas Thieme in dem Fernsehfilm „An seiner Seite“.

Als Senta Berger und Michael Verhoeven 1966 heirateten, war er, Sohn des Regisseurs Paul Verhoeven und angehender Mediziner, eher der Mann an ihrer Seite. Senta Bergers Kollegen wie Kirk Douglas sahen in ihm nur den „Boy aus Germany“. Sie dagegen war schon populär, hatte als Kind auf Wiener Theaterbühnen und früh vor Filmkameras gestanden, erst in Österreich und Deutschland, dann in Amerika. Damalige Lobpreisungen wie „Sexbombe“ oder „Busenwunder“, die heute einen Shitstorm auslösen würden, deuten an, mit welchen Vorstellungen sich junge Schauspielerinnen auseinandersetzen mussten.

In ihrem Erinnerungsbuch „Ich hab ja gewusst, dass ich fliegen kann“ hat Senta Berger schon 2006, also weit vor „Me Too“, aufgeschrieben, gegen welche Zudringlichkeiten sie sich wehren musste: Stars wie O.W. Fischer fielen abends über sie her oder begrabschten sie, Filmproduzent Darryl Zanuck empfing sie nackt im Bademantel. Senta Berger schlug manche Rolle aus und brach ihre Karriere in den USA ab, gründete aber mit ihrem Mann eine Filmfirma, die so starke und politisch wichtige Kinofilme wie „Die weiße Rose“ oder „Das schreckliche Mädchen“ und so populäre TV-Serien wie „Die schnelle Gerdi“ hervorbrachte. „Wir haben uns gemeinsam entwickelt, sind aber immer zwei geblieben“, resümiert sie im ZDF-Interview.

Gern auch mal die Glucke

Charlotte, die Frau an der Seite des Dirigenten, hatte dagegen ihre eigene musikalische Karriere aufgegeben. Aus ihrer Künstlerblase wird sie gerissen, als ein Mann mit einem Eimerchen vor der Tür steht: Martin (Thomas Thieme) will Erde aus dem Garten holen – ein letzter Wunsch seiner verstorbenen Frau, die auf dem Grundstück ihre Kindheit verbracht hatte. Charlotte kommt mit dem Fremden ins Gespräch. Der frühere Bademeister holt sie ins tosende Freibad unter Menschen, Charlotte kannte nur private Swimming Pools. Beide haben gleichaltrige Töchter: Witwer Martin wird übereifrig umsorgt, Charlotte muss sich von ihrer Tochter (Antje Traue) vorwerfen lassen, sie wäre in teure Internate abgeschoben und zur Cellistin gedrillt worden, wurde aber nie gefragt, ob sie das auch wolle.

Nun sind auch die Söhne von Senta Berger und Michael Verhoeven im Filmgeschäft aktiv – doch die beiden haben ihre Kinder nie gedrängt oder gar abgeschoben und immer ein sehr enges Verhältnis zu ihnen gepflegt. Komödien wie „Mama kommt“ zeigen Senta Berger vielmehr als „Glucke“ – was ihrer privaten Rolle viel mehr entsprach, wie sie in Interviews immer gern einräumt.

Im Unterschied etwa zur drei Jahre älteren Romy Schneider, die eine ähnliche Karriere von Wien aus startete, konnte Senta Berger stets auf ein skandalfreies Familienleben bauen – gemeinsam überstanden sie jüngst ihre Corona-Erkrankungen. ZDF, Arte, 3SAT zeigen in den Tagen rund um ihren Geburtstag am 13.Mai fast zwanzig Filme mit ihr aus den letzten zwanzig Jahren, darunter viele aus der preisgekrönten Krimireihe „Unter Verdacht“, die 2019 auslief.

Auffällig: Senta Berger steht nie allein im Mittelpunkt, sondern fordert immer starke Spielpartner an ihrer Seite heraus, etwa Günther Maria Halmer oder Henry Hübchen, Peter Simonischek und Thomas Thieme.

Stille Liebesdramen und turbulente Komödien

Ein ganz besonderer Film steckt in der Arte-Mediathek. In „Satte Farben vor Schwarz“, 2010 nur kurz im Kino zu sehen, spielen Senta Berger, die seither kaum gealtert scheint, und Bruno Ganz, inzwischen verstorben, ein Paar. Er hat Krebs und will nicht als Patient enden, sie trennt sich erst von ihm und will ohne ihren geliebten Mann auch nicht weiter leben.

Von diesem stillen Liebesdrama bis zu turbulenten Komödien lässt sich in diesen Tagen die gesamte Bandbreite der Schauspielerin Senta Berger abrufen – „An seiner Seite“ fügt ihren Rollen sogar eine neue Facette ein. Der angenehm ruhige, aber intensive Film fragt nicht nur danach, wer den Takt des Lebens vorgibt und wer den Taktstock führt, sondern wirbt dafür, mal die Seiten zu wechseln und den anderen einfach nur zuzuhören. Auch das kann Senta Berger.

An seiner Seite, Frei, 7.5., 20.15, Arte, Mo, 10.5., 20.15 Uhr, ZDF; Weitere Filme mit Senta Berger in den Mediatheken von ZDF, 3SAT, Arte und ARD