Sind Lindner und Lehfeldt Terroristen? Böhmermann provoziert mit RAF-Vergleich

Die jüngste Ausgabe des „ZDF Magazin Royale“ polarisiert mal wieder. Ist Böhmermanns RAF-Vergleich geschmacklos oder genial? Ein Kommentar.

Jan Böhmermann verballhornt Christian Lindner.
Jan Böhmermann verballhornt Christian Lindner.ZDF/Screenshot/BLZ

Was ist Satire und was darf sie? Regelmäßig provozieren Jan Böhmermann und das Team des „ZDF Magazin Royale“ diese Fragen, auch mit ihrer jüngsten Sendung, die seit dem vergangenen Freitag in der ZDF-Mediathek abrufbar ist. Empörte Stimmen sagen: Das war vor allem geschmacklos. Im Grundton klingt der Vorwurf durch: Das war sogar hetzerisch.

Woran reiben sich die Menschen diesmal? Die Sendung beginnt, der Moderator knüpft an ein aktuelles Thema an. Er zeigt Einspieler von AfD-Abgeordneten, wie sie auf die „Klima-Terroristen“ schimpfen. Gemeint sind Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe, die sich „Letzte Generation“ nennt. Sie sind bundesweit bekannt, weil sie sich in den vergangenen Monaten wiederholt mit ihren Händen im Namen des Klimaschutzes auf Hauptverkehrsstraßen geklebt, den Flughafen BER blockiert oder Gemälde in Museen beschmiert hatten. „Wir leben in extremen, wir leben in radikalen Zeiten. Junge Menschen werfen Tomatensuppen auf Van Goghs – nur weil sie keine Lust haben, auf einem brennenden Planeten zu leben“, sagt der Moderator. Er feixt, man ahnt, gleich kommt noch was.

Dobrindt nannte Aktivisten „Klima-RAF“

Wahr ist: Die Aktionen der Gruppe sollen Aufmerksamkeit erregen, nicht selten nehmen die sehr jungen Leute dafür sogar neu erfundene Strafmaßnahmen wie die bayrische „Präventionshaft“ in Kauf – und ja, die Öffentlichkeit ist ob der Legitimität ihrer Protestmittel uneins. Aus der AfD,  der CSU (z.B. von Alexander Dobrindt) oder von  Welt-am-Sonntag-Herausgeber Stefan Aust waren sogar Vergleiche mit einer „terroristischen Vereinigung“ oder gar die Bezeichnung einer „Klima-RAF“ zu hören.

Für einen wie Böhmermann sind derlei polemische Vergleiche natürlich ein Aufhänger auf dem silbernen Tablett. Zu den Witzobjekten der Sendung erklärt der Moderator neben den eben Genannten außerdem prominente Stimmen der Zeitung „Welt“ und führende Politiker der FDP. Das hatte er schon am Freitagmittag vor der Sendung angedeutet, als er auf seinem Twitter-Profil ein gefälschtes Fahndungsplakat teilte.

Das Design im Stil der Fahndung aus den 1970er-Jahren, auf denen Fotos der Mitglieder der „Roten Armee Fraktion“ zu sehen waren, und unter dem Titel „Baader/Meinhof-Bande“ als „Anarchistische Gewalttäter“ gesucht wurden. In der Böhmermann'schen Version heißt es nun: Gesucht seien „Linksradikale Gewalttäter“ der „Lindner/Lehfeldt-Bande“. Darauf zu sehen sind Fotos von Finanzminister und FDP-Kopf Christian Lindner, seiner Frau und Welt-Reporterin Franca Lehfeldt, dem Bundestagsabgeordneten Wolfgang Kubicki (FDP) und Welt-Chef Ulf Poschardt, aber auch dem unter Corona-Skeptikern beliebten Virologen Hendrick Streeck und Weitere. Auch ein Pferd mit Namen „Tosca“ ist dabei.

„Die wahren Staatsfeinde besetzen inzwischen höchste Regierungsämter“

Die FDP ist also die neue RAF. Wie kommt Böhmermann zu dieser Behauptung? Er stellt sie einfach auf. Sagt: „Die wahren Staatsfeinde haben sich jahrelang hinter einer bürgerlichen Fassade versteckt. Und besetzen inzwischen höchste Regierungsämter“. Ein Einspieler zeigt Christian Lindner, wie er sagt, seine Partei als „liberale Kraft“ würde seit der Regierungsbeteiligung in der Ampel-Koalition als „linke Partei“ missverstanden. Damit ist der erste Stein gelegt, Böhmermann stapelt in feixenden Tönen weiter an der Erzählung von der neuen „RAFDP“ und baut so, Behauptung für Behauptung, ein vermeintlich ideologisches, allerdings vor allem aberwitziges Gerüst.

Der Moderator bedient sich dabei recherchierter Fakten, wie er sagt, aus Interviews, Fotos und Biografien der „Gesuchten“, und zieht damit Parallelen zur echten RAF. So wird die Tatsache, dass sowohl Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin (beide RAF), als auch Werner Maihofer und Linda Teuteberg (beide FDP) Stipendiatinnen der Studienstiftung des deutschen Volkes gewesen seien, zu einer Gemeinsamkeit in einer „linksextremen Radikalisierung“ an der Universität.

Christian Lindner, so sagt Böhmermann, führe nun heute seine Gruppe, also die FDP, wie ein „Terror-Start-up“ an. Dazu prasselt ein „Beleg“ nach dem anderen in die Moderation hinein: Böhmermann zeigt ein Bild vom kubanischen Revolutionshelden Che Guevara in einer Montage mit Lindners Gesichtszügen, verweist darauf, dass dieser seine Hochzeit im vergangenen Sommer schließlich auf der „Punker-Insel“ Sylt gefeiert habe. Und nicht nur das! Sowohl Andreas Baader hatte etwas für „schnelles Vorankommen“ übrig, auch Christian Lindner ist ein Porsche-Fan!

Der Trick der FDP, sagt Böhmermann, sei ihre „Fassade der bürgerlichen Ideologie“. Die mache sie gefährlich. Eine Warnung geht also raus an alle aufmerksamen und besorgten Bürger! Nein, es sei gar „höchste Zeit für Panik“, findet Böhmermann. Immerhin sei die FDP bei den Landtagswahlen in Niedersachen erst an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Das könne ja nur bedeuten, dass die Partei seither aus dem Untergrund agitiert!

Böhmermann zeigt, wie Verschwörungsideologien funktionieren

Was Böhmermann in dieser Sendung tut, folgt einem ganz banalen Schema: Er nimmt Fakten, Fotos und Interview-Schnipsel, er zerlegt sie und entreißt sie ihrem Kontext, er stellt sie auf den Kopf, dreht sie zurecht, sodass sie seine „These“ validieren. Damit zeigt er nicht nur, wie sehr weit hergeholt die RAF-Vergleiche mit den Klima-Aktivisten sind. Böhmermann tut noch etwas anderes: Er zeigt, wie Verschwörungsideologien funktionieren, indem er ihrer Logik folgt.

Denn in sich scheinen diese ja oft stimmig, die Erzählungen von geheimen Bünden, die sowohl den Staat aushöhlen als auch etwa die sogenannten „Mainstream-Medien“ für sich gewinnen. Das Problem ist nur: Wenn Fakten wie Bausteine, so wie sie gerade ins Gerüst der nächsten Theorie hineinpassen, zusammengepackt werden, hat das mit der Wahrheit, der sie ursprünglich entnommen sind, rein gar nichts mehr zu tun.

Das Schema dient einer Vereinfachung der Welt, es soll Panik schüren und zeigt dann mit dem nackten Finger auf die vermeintlich Schuldigen. So leicht kann Böhmermann zu einem Schluss wie diesem kommen: Der liberale Finanzminister lässt den Staat ausbluten (womit er vielleicht gar nicht ganz falsch liegt), er will die kommunistische Revolution (womit er ganz bewusst völlig danebengreift).

Ausgerechnet im Öffentlich-Rechtlichen

Wer dieses Format, das erstens: ein gesellschaftliches Problem thematisiert, und zweitens: herrschende Narrative auf die Schippe nimmt, nun also als Hetze bezeichnen will, der tappt unweigerlich in ebenjene Falle, die Böhmermann mit seiner Sendung stellt, und wittert ihn womöglich selbst: Den nächsten großen Komplott. Dass das Magazin Royale im Öffentlich-Rechtlichen läuft, setzt der ganzen Sache noch eine Kirsche obendrauf. Der ÖRR gehört immerhin selbst zu den liebsten Zielen von Verschwörungsideologien.

Man kann das also überspitzt finden, oder lächerlich, man kann sich fragen, ob sich vielleicht manch Aktivist, der gerade in „Präventionshaft“ sitzt, von solchen Vergleichen auf den Schlips getreten fühlt. Doch eines ist diese Ausgabe der Sendung mit größtmöglicher Faktensicherheit: Satire.