„Tatort“ aus Dresden: Schuld ist natürlich die DDR

Mal wieder muss das Thema Zwangsadoption in der DDR für eine Krimihandlung herhalten. In diesem Fall ist das weder psychologisch noch erzählerisch spannend.

Nadine Teichmann (Kristin Suckow) wird auf dem Kommissariat von Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) befragt.
Nadine Teichmann (Kristin Suckow) wird auf dem Kommissariat von Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) befragt.MDR

Wenn in der ersten Minute eines „Tatorts“ ein junger Mann mit wirrem Blick und schlimmem Topfschnitt gezeigt wird, der sich erst mit einem geklauten Lippenstift das Gesicht verschmiert, kurz darauf in seinen blutigen Händen einen Hammer hält und dann panisch flüchtet – dann ist eines klar: Dieser verwirrte Typ kann auf gar keinen Fall der Täter sein! Jemand anderes muss die Chefin einer florierenden Gärtnerei mit dem Hammer erschlagen haben. Der „Tatort: Totes Herz“ schickt die Zuschauer allzu offensichtlich auf eine falsche Fährte, und das Dresdner Trio vertrödelt trotzdem sehr viel Zeit mit wenig zielführenden Ermittlungen. Außerdem müssen die drei noch das Drama aus dem vorigen Fall „Katz und Maus“ aufarbeiten, der erst vor sieben Wochen lief. Da war Kripo-Chef Schnabel (Martin Brambach) als Geisel gefangen genommen und schwer verletzt worden – doch die Hilfsangebote seiner Kolleginnen lehnt er nun brüsk ab.

Derweil wird schnell deutlich, dass es diesmal um ein Familiendrama geht. Alle Angehörigen verhalten sich merkwürdig. Die Tochter der Toten (Kristin Suckow) scheint nach kurzer Schockphase regelrecht aufzublühen. Ihr Mann (Nico Rogner), der seine Schwiegermutter tot im Gewächshaus gefunden hatte, quält sich noch in einer Affäre mit der Schwester des verschwundenen jungen Mannes. Auch die Ermordete hatte massive Probleme: Der Rechtsmediziner findet Anzeichen für das „Broken-Heart-Syndrom“ – traumatische Erlebnisse könnten dieselben Symptome wie bei einem Herzinfarkt ausgelöst haben.

Viel Stoff, unlogisch verknüpft

Für die historischen Hintergründe, die der Krimi nach einer knappen dreiviertel Stunde aufdeckt, findet Schnabel die passende Bezeichnung: Das sei doch eine „Räuberpistole“. Zwar ist das Thema „Zwangsadoptionen in der DDR“ schon zigmal in bundesdeutschen Thrillern aufgearbeitet worden – muss aber nun noch einmal für eine Krimistory herhalten. Die Schuldfrage ist jedenfalls klar beantwortet: Schuld am „Toten Herz“ ist natürlich das herzlose DDR-System, in dem kinderlose „Privilegierte“ sich Kinder beim Gynäkologen bestellen konnten.

Die Autorin Kristin Derfler, die beim MDR erklärt, sie habe monatelang zum Thema Kindesraub recherchiert, hat zwar viel Stoff zusammengetragen, aber ein wenig schlüssiges Drehbuch geschrieben, in dem vieles nicht zusammenpasst – weder logisch noch psychologisch. Selbst die sich häufenden Morde bauen keine echte Spannung auf. Der Film fließt eher träge dahin wie die Elbe, die gern groß ins Bild gerückt wird. Allzu spät wandelt sich der Krimi in der Regie von Andreas Herzog zum Thriller. Doch die behauptete Pointe ist dann schon keine große Überraschung mehr. Zum Finale dürfen die Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel), die diesmal kaum Gelegenheit bekommen, sich zu profilieren, dann ihre schusssicheren Westen anlegen und die Pistolen zücken. Und auch der SEK-Einsatz mit Schuss in der letzten Minute wirkt schließlich so obligatorisch-routiniert wie die falsche Spur in der ersten Minute.

Tatort: Totes Herz. So, 8.1., 20.15 Uhr, ARD