ARD-Drama „Riesending – Jede Stunde zählt“: Nichts für Klaustrophobiker

Der Zweiteiler erzählt die spektakuläre Rettung eines Höhlenforschers nach einer wahren Geschichte. 

Szenenfoto aus „Riesending – Jede Stunde zählt“
Szenenfoto aus „Riesending – Jede Stunde zählt“ARD/BR/Senator Film/Nikola Predovic

Mitte Juni 2014 richtete sich der Fokus der internationalen Medien auf den Start der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. In Bayern allerdings wurden die Schlagzeilen von einem anderen Thema beherrscht: Seit dem 8. Juni lag der Höhlenforscher Johann Westhauser, durch einen Steinschlag schwer am Kopf verletzt, in der „Riesending“ genannten Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen, rund tausend Meter unterhalb des Einstiegs. Erst am 13. Juni, einen Tag nach dem Eröffnungsspiel der WM, konnte der Transport des Verletzten beginnen. Am 19. Juni schließlich wurde Westhauser nach draußen gebracht – also fast zwölf Tage nach seinem Absturz. An der aufwendigen Rettungsaktion, die fast eine Million Euro kostete, beteiligten sich 700 Helfer, 200 von ihnen stiegen in die Höhle ein. Als das deutsche Fußball-Team die WM gewann, war Johann Westhauser schon wieder aus der Unfallklinik entlassen worden – er wurde komplett gesund.

Acht Jahre und zwei Fußballweltmeisterschaften später zeigt die ARD nun den Zweiteiler „Das Riesending – Jede Stunde zählt“ über das Drama von 2014. Es ist nicht der erste Film über die längste bekannte Höhle Deutschlands. So war der gerettete Westhauser für eine Kino-Dokumentation mit vier Kameraden wieder in die Höhle gestiegen – der Film lief im Januar auf ARTE. Im ARD-Drama „nach einer Geschichte von Johannes Betz“ sind die Namen geändert: Aus Josef Westhauser wurde „Josef Häberle“. Wie eng sich die Filmfiguren an reale Vorbilder anlehnen, bleibt unklar. Im Abspann werden ihre Biografien weitergesponnen. Dass eine besonders engagierte Retterin aus Österreich ein Jahr nach der Aktion tödlich in einer anderen Höhle verunglückte, ist leider keine Erfindung.

Kann die Bergwacht Höhlenrettung?

Regisseur Jochen Alexander Freydank, der auch das Drehbuch schrieb, wollte „nah an der Realität“ bleiben und einen „wirklich echten Höhlenfilm“ inszenieren, der die „Faszination dieser eigenen Welt“ zeigt. Deshalb wurde das Set nicht etwa im warmen Studio, sondern in einer realen Höhle in Kroatien eingerichtet, in der es kalt blieb und nach Regenfällen immer feuchter wurde. Real waren nach Angaben der Produzenten auch die Konflikte bei der Rettungsorganisation, die im Film allzu stark ausgebreitet werden.

Maximilian Brückner spielt den Leiter der Bergwacht als einen zaudernden, zerrissenen Mann, der sich vor allem um das Image seiner Truppe sorgt, sich fragt, ob er für einen Schwerverletzten das Leben weiterer Menschen riskieren kann, und der sogar damit hadert, dass die improvisierte Trage nicht vom Tüv zugelassen ist. Dem Bedenkenträger tritt eine furchtlose Kollegin gegenüber, die Verantwortung über- und Hilfe aus anderen Ländern annimmt: Anna Brüggemann spielt sie mit viel Energie. Die beiden streiten sich oft und heftig – doch die Details kann der nordostdeutsche Flachländer oft nur erahnen, so breit dürfen die beiden gebürtigen Münchener selbst unter Berliner Regie in ihren Dialekt verfallen. Auch in der hallenden Höhle leidet mitunter die Verständlichkeit, wenn Sabine Timoteo als Schweizer Rettungsärztin und Verena Altenberger als Höhlenkletterin aus Österreich miteinander diskutieren. Trotzdem zählen die Szenen der beiden Frauen, die tagelang zwischen Hoffen und Bangen unter Tage gefangen sind, zu den schauspielerischen Höhepunkten des Zweiteilers.  

Die Europa-Flagge weht im Alpenwind

Was die Rettungssanitäter und Ärzte geleistet haben, tagelang in einer fremden, gefährlichen Welt, die zum feuchten Labyrinth werden kann, nur von Helmlampen beleuchtet, das zeigt das ARD-Drama insgesamt sehr eindrücklich. Kameramann Thomas Dirnhofer hat ganze Arbeit geleistet. Dieser Film ist nichts für Klaustrophobiker. Allerdings wird diese Wirkung schon im ersten Teil erreicht – drei Stunden lang den Menschen in der Höhle unter dem Geflacker zuzusehen, das wird irgendwann schon arg anstrengend. Wahrscheinlich soll die Überlänge auch die Dauer der Rettungsarbeiten abbilden.

„Jede Stunde zählt“ – behauptet der ARD-Zweiteiler im Untertitel: In der Realität vergingen 274 Stunden vom Unfall bis zur Rettung. Warum es so lange dauerte, erschließt sich dem Laien nicht recht. Während die Action-Szenen im zweiten Teil an Dramatik zunehmen, etwa wenn die Retter mit prasselndem Wasser zu kämpfen haben und den Verletzten Hunderte Meter senkrecht in die Höhe hieven müssen, bleiben die Szenen über Tage in erwarteten Bahnen. Eher routiniert wird der Druck der Medien und der Politik abgehandelt. Der Vertreter des Innenministeriums (Marcus Mittermeier) übt schon heimlich die Todesnachricht. Etwas aufdringlich wirkt es, wenn zum Schluss die Europa-Flagge stolz im Alpenwind weht – als Symbol der Zusammenarbeit von Rettern aus fünf Ländern. Dabei gehören die Schweizer gar nicht zur EU.

Die Begleit-Doku vom Bayerischen Rundfunk geht nicht weiter auf das Drama von 2014 ein, sondern präsentiert Menschen, die in der Landschaft des Untersbergs leben. Zwei Höhlenforscher, schon 2014 vor Ort, erklären, warum sie immer noch in die dunkle Welt hinabsteigen. Die Riesending-Höhle allerdings wurde direkt nach dem Unfall gesperrt – nur Profis und Wissenschaftler dürfen mit Sondergenehmigung noch hinabsteigen.

Riesending – Jede Stunde zählt. Mi, 28.12., 20.15 Uhr, ARD.
Doku Tief im Fels – Überleben am Untersberg in der ARD Mediathek.