Mord unter Misteln: Der Weihnachts-„Tatort“ auf den Spuren von Agatha Christie

Die Kommissare aus Bayern ermitteln diesmal nicht beruflich, sondern fürs Teambuilding. Ein festlicher Genuss.

Chief Inspector Francis Lightmyer (Udo Wachtveitl, links vorne) und Constable Ivor Partridge
Chief Inspector Francis Lightmyer (Udo Wachtveitl, links vorne) und Constable Ivor PartridgeBR/Bavaria Fiction GmbH/Hendrik

Eine Zeitmaschine scheint Kriminalhauptkommissar Iva Batic (Miroslav Nemec) um genau einhundert Jahre zurückgeworfen zu haben. In der Ouvertüre eilt er als „Detective Constable Ivor Partridge“ am Heiligabend 1922 durch die Gemächer von Beckford Hall, dem Sitz der Earls of Cumberledge – und findet seinen Vorgesetzten, den „Detective Chief Inspector Francis Lightmyer“ (Udo Wachtveitl), leblos auf dem Teppich.

Der Weihnachts-„Tatort“ aus Bayern bemüht keine mystischen Gründe für seinen Zeitsprung, sondern liefert schnell einen plausiblen Rahmen: Batic und Leitmayr sind zu einem Krimidinner bei Assistent Kalli (Ferdinand Hofer) und weiteren Kollegen geladen. Dabei haben die beiden Ermittler zunächst wenig Lust, sich auf das Rollenspiel einzulassen. Leitmayr hält nichts davon, wenn Banker „Monopoly“ oder Ärzte „Dr. Bibber“ spielen, und auf „Teambuildung“ ist er auch nicht scharf. Denn mit dem Kollegen Batic, mit dem er seit 30 Jahren und 90 Fällen zusammenarbeitet, liegt er über Kreuz, seit der sich mehr für seine Pension als für seinen Job interessiert. Der Film springt zwischen den beiden Ebenen hin und her. Die Szenen von 1922 sind eigentlich nichts anderes als eine Illustrierung des Krimidinners von 2022.

Wer hat den Butler getötet?

Aber wie detailgenau, wie stilecht und wie spielfreudig der Filmstab und alle Darsteller hier auf Agatha Christies Spuren wandeln, das ist absolut stimmig, sehr unterhaltsam und spannend. Zu Beginn werden Lightmyer und Partridge zur Leiche des Butlers gerufen. Der Mann war taumelnd mit dem Tablett in der Hand in den Salon gestürzt, hatte im Liegen vom Tierarzt Dr. Mallard (Alexander Hörbe) eine Spritze bekommen und war später noch gewürgt oder erwürgt worden – und fast jeder aus der Runde der Anwesenden hatte Motive, sich an dem arroganten Kerl zu rächen. Leitmayr erinnert das 2022 an den Klassiker „Der Mord im Orientexpress“. Die beiden Detectives beginnen, die sechs Verdächtigen getrennt zu befragen – und rekonstruieren so den Ablauf des turbulenten Abends.

Dabei bekommen alle ihren großen Auftritt: Sunnyi Melles gibt die extravagante Lady Bantam, Ferdinand Hofer ihren Sohn, Katharina Schlothauer die gescheiterte Sängerin Kitty, die mal mit ihm liiert war. Joshua Jaco Seelenbinder spielt den jungen Reverend, der sich auffällig um die hübsche Haushälterin Heather (Marie Rathscheck) kümmert, während Dr. Mallard nach gutem Whiskey Ausschau hält.

Doch zuallererst zeigen hier die oft unterschätzten Filmgewerke, was sie können. Angefangen von der Vorspannoptik im Stummfilmstil, über Kostüm, Maske und Ausstattung – alle tragen zum Abendvergnügen bei. Kameramann Volker Tittel tanzt durch die illuminierten Räume im Schloss Oettingen, Filmeditor Florian Duffe findet die passenden Übergänge. Autor Robert Löhr hält auch in den Dialogen die unterschiedlichen Zeitebenen durch – und Regisseur Jobst Christian Oetzmann erweist sich als versierter Dirigent des Ganzen. Die opulente Filmmusik von Sebastian Fillenberg, eingespielt vom Münchener Rundfunkorchester, hebt sich einen Clou für den Abspann auf: Das markante „Tatort“-Intro von Klaus Doldinger ertönt als knackige Klassikversion. Und wer sich jetzt fragt, wie viel Geld extra der Bayerische Rundfunk für dieses aufwändige Geschenk ausgegeben hat, dem versichert Redakteur Cornelius Conrad: „Mord unter Misteln“ hat nicht mehr als jeder andere „Tatort“ gekostet.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Tatort: Mord unter Misteln. Mo, 26. Dezember, 20.15 Uhr, ARD