Berlin - „Wo sind wir da bloß reingeraten?“, fragt Kommissar Frank Elling (Sascha Gersak) seine Kollegin Lona Mendt (Petra Schmidt-Schaller) abends beim Rotwein im Wohnmobil. Bis zu dieser Szene hat der Zuschauer bereits dreieinhalb Stunden des ARD-Thrillers durchgestanden. Die beiden Polizisten suchen einen Serienmörder und ahnen, dass die Spur in die DDR-Geschichte führt. Das erste Opfer hatte als Offizier für das MfS gearbeitet, für „Wolfs Truppe“, wie Lona sogleich erkennt. Ein junger Kollege ereifert sich: „Unglaublich, dass so jemand in einem Rechtsstaat weiter unbehelligt sein Leben leben kann!“ Vielleicht gerade weil er in einem Rechtsstaat lebt.

Anders als für die Kommissare ist es für das interessierte Publikum überhaupt kein Geheimnis, worum es bei den „Toten von Marnow“ geht. Die ARD bewirbt ihre „Eventserie“ ja schon seit langem als Drama über die „Menschenversuche der West-Pharmakonzerne in der DDR“. Ein „dunkles Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte“ nennt es Programmdirektor Volker Herres, ein „deutsch-deutsches Verbrechen“ sieht Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt, einen „unfassbaren Pharma-Skandal“ Regisseur Andreas Herzog.

Eine unwiderstehliche Kombination

Dabei liefern die Fakten wenig Stoff für Skandale. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Charité im Auftrag der Bundesregierung hatte schon 2016 klargestellt, dass die DDR-Bürger nicht etwa als „Versuchsratten“ missbraucht wurden, wie Kommissarin Mendt im Thriller mutmaßt. Vielmehr unterlagen die zahlreichen Studienreihen denselben Kriterien wie im Westen und wurden nicht etwa verkürzt, Aufklärung und Einwilligung der Probanden war hier wie da Pflicht. Die Pharma-Konzerne des Westens profitierten vom zentral gesteuerten Medizinsystem des Ostens, die DDR-Wirtschaft freute sich über die Devisen. Schon im Herbst lief auf Arte und im ZDF ein Thriller „Kranke Geschäfte“, der unterstellte, Medikamententests wären a priori „krank“. Doch wie würden wir je zu Impfstoffen gegen Corona kommen? Die Kombination Stasi und Pharma ist für Drehbuchautoren aber unwiderstehlich. Sie gilt im Thriller stets als Inkarnation des Bösen, ihr verbrecherischer Charakter wird einfach vorausgesetzt.

Trotzdem hätten die behaupteten Rätsel um die „Toten von Marnow“ allenfalls für einen Zweiteiler gereicht. Doch die ARD steht unter Serienzwang: So durfte Autor Schmidt seinen Stoff kräftig aufbauschen. Vier Neunzigminüter wurden zu acht Folgen geteilt. Fertig war die Miniserie, die die ARD ab 6.3. vorab in die Mediathek stellt, um ein jüngeren Publikum zu locken. Störendes historisches Hintergrundwissen wird bei diesem Publikum offenbar nicht vermutet.

Eine unglaubwürdige Konstellation

Damit die Kommissare dem „dunklen Geheimnis“ nicht zu schnell nahe kommen, wird zunächst ihr Privatleben ausgewalzt: Frank Elling kämpft um seine untreue Frau, die verwöhnte Tochter wünscht sich zum 18. Geburtstag ein Cabrio, die demente Mutter (Uta Schorn) braucht ein teures Heim. Dies alles soll um Verständnis dafür werben, dass Elling sich plump bestechen lässt. Auch Kollegin Wendt steht unter Druck: Denn die Kommissarin wird von einem fiesen LKA-Mann vergewaltigt und schießt ihn deshalb übern Haufen. Hier ist Jörg Schüttauf zu erleben, der im ZDF-Pendant „Kranke Geschäfte“ einen SED-Bonzen spielte – allerdings weitaus nuancierter.

Das gemeinsame Vertuschen der eigenen Taten lässt das Kommissars-Duo zusammenrücken. Sascha Gersak und Petra Schmidt-Schaller können in den ruhigeren Szenen durchaus zeigen, was sie können – aber nur so lange, bis sie die immer grobschlächtigere Story wieder herausreißt. Schließlich schwingen sich ausgerechnet die beiden notorischen Gesetzesbrecher zu moralischen Scharfrichtern über die „skandalösen Menschenversuche“ auf – über solche paradoxen und unglaubwürdigen Konstellationen setzt sich der effekthascherische Thriller ungerührt hinweg.

Die Toten von Marnow, als achtteilige Serie ab 6.3. in der ARD Mediathek, am 13., 17. und 18.3. um 20.15 Uhr in der ARD