Berlin - Polizeiruf 1:0 habe sein Vater die Krimireihe immer genannt, erinnert sich Clemens Meyer. Als Kind durfte der 1977 geborene Schriftsteller einige Filme abends mitgucken. Folgen wie „Mit dem Anruf kommt der Tod“ mit Jörg Schüttauf als „Telefonmörder“. Regisseur Thomas Stuber, geboren 1981, hat dagegen keine Erinnerungen an die DDR-„Polizeirufe“, entdeckte sie erst später und fand sie total spannend und faszinierend: „So ein Fall aus dem Jahr 1978 besitzt doch eine ganz andere Atmosphäre, zeigt eine wahrhaftigere und alltäglichere DDR als Filme wie ‚Das Leben der Anderen‘.“

Clemens Meyer und Thomas Stuber haben schon mehrfach zusammengearbeitet, so bei den Kinofilmen „Herbert“ und „In den Gängen“. Ihren Hauptdarsteller Peter Kurth haben sie auch für ihre aktuelle Arbeit gewonnen. Zusammen mit Peter Schneider bildet Kurth das neue Hallenser „Polizeiruf“-Duo.

„Kein Tag ist wie der andere“

Als Meyer und Stuber noch am Drehbuch saßen, kam der MDR auf die Idee, ihren Krimi als „Jubiläums“-Polizeiruf zum 50. Jahrestag zu vermarkten. Für die beiden ein Anstoß, noch mehr „Polizeiruf“-Geschichte unterzubringen. So tragen die vier Episoden den Namen früherer Folgen etwa „Kein Tag ist wie der andere“, „Zwischen den Gleisen“, „Verdammte Sehnsucht“ und „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“.

Dazu treten Schauspieler mit „Polizeiruf“-Vergangenheit auf. Neben Andreas Schmidt-Schaller, der einst den legeren Leutnant Grawe spielte und nun den Schwiegervater von Kommissar Lehmann gibt, taucht Torsten Ranft als Verdächtiger auf: Er spielte den Täter in dem legendären „Kreuzworträtselfall“ von 1988, der auch den damals 11-jährigen Clemens Meyer schwer beeindruckte. Wie viele DDR-„Polizeirufe“ basierte er auf einem echten Fall: Der Mörder eines Jungen hinterließ nur eine Spur – Buchstaben in einem Kreuzworträtsel. Hunderttausende Schriftstücke und Meldeakten wurden ausgewertet, um ihn zu überführen.

Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler
Daten und Fakten

Bisher liefen 389 Fälle mit 120 verschiedenen Ermittlern. Bis Ende Juni zeigen die ARD-Sender und 3sat circa 100 „Polizeiruf“-Wiederholungen, über 50 allein der MDR. Die Fleißigsten: Peter Borgelt als Hauptmann Fuchs 84-mal 1971–1991, Jürgen Frohriep als Oberleutnant Hübner 63-mal 1972–1994, Jaecki Schwarz & Wolfgang Winkler als Schmücke & Schneider 50-mal 1996–2013. Noch aktiv: Anneke Kim Sarnau & Charly Hübner als Bukow & König: 23 Fälle seit 2010, Claudia Michelsen als Doreen Brasch: 14 Fälle seit 2013, Lucas Gregorowicz als Adam Raczek: zehn Fälle seit 2015; Verena Altenberger als Bessie Eyckhoff: zwei Fälle seit 2019.

Was damals Schriftvergleiche waren, sind heute Funkzellen-Abfragen. Clemens Meyer wurde eines Tages auf ein Polizeirevier bestellt und musste mitteilen, warum er an einem bestimmten Ort mehrere Monate zuvor telefoniert hatte. „Ich dachte, um Gottes Willen, was habe ich denn mit einem Mord zu tun?“ Doch dann nahm er das Erlebnis als Inspiration: „Wir wollen zeigen, wie mühsam und aufwendig die Ermittlungen sein können.“ Auch Stuber, den die vielen Serienmörder schon im Vorabendkrimi nur noch ermüden, will die Ermittler mehr bei der Arbeit, aber weniger privat zeigen und den „Polizeiruf“ wieder mehr zum „Krimi der kleinen Leute“ machen.

Eine Antwort auf den „Tatort“

Der MDR feiert das Jubiläum schon seit Anfang Mai mit vielen Wiederholungen, Schauspieler-Porträts und einer 90-Minuten-Doku am Sonnabend um 20.15. Zwar wurde der allererste „Polizeiruf“ erst am 27. Juni 1971 ausgestrahlt, aber da läuft schon die Fußball-EM und kein Sender will ein solches Jubiläum und einen Neustart untergehen lassen. In der Dokumentation stellen nicht nur die Macher ihr neues Hallenser Projekts vor. Gestandene „Polizeiruf“-Regisseure wie Thomas Jacob und Bernd Böhlich und der prägende Dramaturg Thomas Steinke geben interessante Einblicke in die Arbeit zu DDR-Zeiten und in der Nachwendezeit.

Gestartet worden war die Krimireihe auf allerhöchste Anweisung: Die DDR brauchte eine Antwort auf den Ende 1970 gestarteten „Tatort“. Zwar gab es im DDR-Fernsehen die „Blaulicht“-Reihe – doch hier kamen die Täter meist aus dem Westen oder wurden von dort instruiert. Der „Polizeiruf“ dagegen fragte danach, warum es im Sozialismus immer noch Kriminalität gab. Gregor Gysi beschreibt es in der MDR-Doku so: „Im Westen wird Kriminalität einfach als gegeben hingenommen, während man im Osten versuchte zu erklären, wie es überhaupt dazu kommen kann.“

Vertreter der Staatsmacht ohne Privatleben

Die Ermittler um Hauptmann Fuchs und Oberleutnant Hübner waren Vertreter der Staatsmacht ohne Privatleben, und wie Schauspieler wie Peter Borgelt und Jürgen Frohriep ihre Figuren über zwei Jahrzehnte lang trotzdem sympathisch und vertraut wirken ließen, beweist ihre Klasse. Ganz selbstverständlich arbeitete auch eine Frau im Kollektiv: Sigrid Göhler spielte bis 1983 die erste deutsche TV-Kommissarin Leutnant Vera Arndt. Thomas Jacob, als Autor und Regisseur zwischen 1976 und 2004 an 19 Filmen beteiligt, setzte nicht nur so prägende Filme wie den „Kreuzworträtselfall“ und „Mit dem Anruf kommt der Tod“ in Szene, sondern brachte schon im November 1990 einen Krimi über das Geschehen im Herbst 1989 auf den Bildschirm: Günter Naumann als Hauptmann Beck jagt einen Einbrecher, der sich zwischen Demonstranten mischt, findet seinen Sohn unter den Verhafteten – besser als „Das Duell“ waren die allermeisten Wendefilme auch Jahrzehnte später nicht.

Bernd Böhlich wiederum, der Mann hinter den Horst-Krause-Filmen, durfte erst nach der Wende inszenieren, schuf mit den Brandenburger Landkrimis skurrile Dramen, die dem „Polizeiruf“ bundesweite Anerkennung und den Krimis ab 1993 einen alternierenden Sendeplatz neben dem „Tatort“ brachten.

Im Rückblick auf die „Erfolgsgeschichte 50 Jahre Polizeiruf“ wird allerdings einiges verklärt – dabei waren viele DDR-Filme schlichtweg moralisierend, was zu DDR-Zeiten noch verstärkt wurde durch die belehrenden Fernsehansager.

Ein Blick in meine Rezensionen, die ich ab Anfang der 1990er-Jahre schrieb, zeigt mir, wie wenige Folgen ich damals originell, wie viel ich dagegen klischeehaft fand, vor allem bei den Filmen, bei sich die westdeutschen ARD-Anstalten am „Polizeiruf“ versuchten, ohne sich ansatzweise für seine Wurzeln zu interessieren. Tiefpunkt war ein wirrer Nürnberger „Polizeiruf“ von Klaus Emmerich, bei der ein ehemaliger DDR-Richter mit einer „Schallkanone“ beschossen wurde. Wohltuende Ausnahmen waren Krimis mit Größen wie Jutta Hoffmann oder Kurt Böwe. Auch Andreas Dresens einziger Krimi „Der Tausch“ blieb 1997 nahe an seinen Täterinnen.

Abschied von Charly Hübner

Manche Unterscheidung zum „Tatort“, etwa das ländlichere oder proletarischere Milieu, in dem sich Opfer und Täter kannten, ist längst verwischt. Auch haben mittlerweile fast alle Ermittler ein Privatleben. Obwohl der „Polizeiruf“ nur an sechs Sonntagen im 20.15-Uhr-Programm der ARD steht, so stammen doch einige der einprägsamen Figuren dieses Jahres aus dieser Reihe, etwa die „Monstermutter“ im Abschiedsfilm mit Maria Simon oder die Amokläuferin „Sabine“ in Rostock. Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner, der ja leider seinen Ausstieg aus der Reihe angekündigt hat, geben in der MDR-Doku unterhaltsame Einblicke in ihre Figuren-Konstellation, während Jaecki Schwarz und Peter Schneider den alten und den neuen Hallenser „Polizeiruf“ vorstellen.

Clemens Meyer wiederum hat sich schon einige Gedanken gemacht, wie er Andreas Schmidt-Schaller als früheren „Polizeiruf“-Ermittler Grawe mit Peter Kurths Rolle als Henry Koitzsch zusammenbringen kann: „Ich könnte mir vorstellen, die beiden treffen sich am Tag der Volkspolizei in einer Hallenser Kneipe.“

Polizeiruf 110: Die Krimidokumentation Sa, 22.5., 20.15 Uhr, MDR (90-Minuten-Fassung), So, 30.5., 23.35 Uhr, ARD (45-Minuten-Fassung). Nächster „Polizeiruf: An der Saale hellem Strande“ – So, 30.5., 20.15 Uhr, ARD