Die erfahrene Zuschauerin und der geübte Leser wissen, dass Werbung Werbung ist und keine Nachricht. Und dass die Losungen, die Unternehmen für ihre Zukunft ausgeben, irgendwelche psychologischen Reize auslösen sollen, aber nicht unbedingt eins zu eins umgesetzt werden. „Mit dem Zweiten sieht man besser“, behauptet das ZDF, „unabhängig, unverzichtbar, unverwechselbar“ möchte das Deutschlandradio sein. In Berliner und Brandenburger Haushalten hören Kinder gerade hin, wenn der Sender, der in der elterlichen Wohnung Musik und Informationen bringt, diese angeblich „nur für Erwachsene“ anrichtet.

Einen Slogan, der Kind wie Greis ansprechen soll, haben sich jetzt die Strategen beim Mitteldeutschen Rundfunk, dem MDR, ausgedacht. Am Freitag zitierten die Nachrichtenagenturen dessen Intendantin Karola Wille mit den Worten: „Der MDR wird digitaler, er wird jünger und bleibt aber zugleich auch mitten in der Gesellschaft.“ Und deshalb heiße das neue Leitbild „MDR für alle“.

„Schädliche Inhalte“

Was gibt es in der Welt, das allen gefällt? Und wer überhaupt sind alle? Während sich der deutsche Sender, der das erfolgreichste der dritten ARD-Fernsehprogramme betreibt, noch mehr Zuschauer, Hörer, Nutzer wünscht, argumentiert der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auch mit „allen“, um Einschnitte anzudrohen. Am Sonnabend wurde eine von ihm unterzeichnete Richtlinie veröffentlicht, die Maßnahmen gegen „schädliche Inhalte“ in der „schriftlichen, mündlichen und visuellen Presse“ ankündigt. Es ginge darum, eine „zerstörerische Wirkung“ auf die Gesellschaft, auch auf Kinder und Jugendliche, zu minimieren, heißt es weiter.

Konkret benannt wurden die Maßnahmen nicht, heißt im Bericht der dpa. Aber gerade das Unkonkrete befördert die Schere im Kopf des eingeschüchterten Journalismus. Zu viel ist dort schon passiert. Aber zurück zum MDR: Der hatte 2021 in seinem Sendegebiet zwischen zehn und elf Prozent des Zuschauer-Marktanteils erreicht, bei den anderen sechs Anstalten bewegte sich der Zuspruch nur zwischen sechs und acht Prozent. „Für alle“ mag dann im Fernsehen ein paar Prozent mehr bedeuten, die anderen sollen Radio hören und ins Netz gucken. Oder auch nicht.

Vielleicht mögen alle Menschen Sonnenschein, wenn er nicht zu viel Hitze bringt und an den Klimawandel denken lässt. Im journalistischen und Unterhaltungsbetrieb das bieten zu wollen, was allen gefällt, klingt eher beliebig als profiliert.