Berlin - Was für ein unangenehmes Erlebnis. Ob der Themenabend „Rassismus“ am Donnerstag als besonders komplizierte Art der Entschuldigung gedacht war? Als etwas selbstherrlicher Versuch kritischer Selbstreflexion zur Primetime? Oder eher als ein zur Schau gestelltes Bootcamp zur schnellen Nachhilfe in Sachen Diversität für die eigene Direktion? Eines muss man dem WDR zugutehalten: Der Sender hat es versucht. Doch man blieb kopfschüttelnd zurück.

„Freiheit, Gleichheit, Hautfarbe! – Warum hat Rassismus mit uns allen zu tun?“: So laut der öffentlich-rechtliche Sender diesen Titel zunächst in der Programmvorschau ankündigte, so unklar blieb die Intention bis zum Ende der über zweieinhalb-stündigen Sendezeit.

Drei Teilnehmerinnen sagten ab

Das Dilemma kündigte sich bereits vor Sendebeginn an: So kürzte der WDR den Titel in letzter Minute, strich den Teil mit der Hautfarbe, nachdem drei Teilnehmerinnen unter anderem deshalb abgesprungen waren. Weil sie nicht als Alibi-Repräsentantinnen für die Wiederherstellung des WDR als Vorzeigesender auftreten wollten, wie der Medienkritiker Stefan Niggemeier schrieb.

Eine von ihnen, die Journalistin Hadija Haruna-Oelker, begründete ihre Entscheidung auf ihrem Twitter-Account damit, dass ihr kurz vor der Aufzeichnung ohne Absprache eine andere Gesprächsrolle zugeteilt worden war.

Aber negative Vorzeichen waren ja ohnehin Anlass dieses verzweifelten Versuchs, die Ehre des Senders zu retten: Die, milde gesagt, missglückte Folge des Talk-Formats „Die letzte Instanz“, moderiert von Steffen Hallaschka. In der Sendung hatten vier weiße Prominente aus der Unterhaltungsbranche über die Legitimität rassistischer Begriffe in der deutschen Umgangssprache diskutiert.

Zu streiten hatte es allerdings gar nicht viel gegeben, denn die Runde, deren Beteiligten – woher auch immer – eine Expertise zum Thema rassistische Sprache zuerkannt worden war, einten sich sowieso in ihrem Fazit. Sie verteidigten den Gebrauch einer stigmatisierenden Bezeichnung für Sinti und Roma (die mit Z beginnt) als Synonym für ein Schnitzel mit Paprika-Soße.

Der WDR geriet deshalb im Januar ins Visier scharfer Geschosse aus den digitalen Netzwerken, vor allem, weil zum Gespräch keine von Rassismus betroffene Person geladen war. Warum eine eher spätpubertäre Runde in einem Format, das wenig Anspruch auf Ernsthaftigkeit erhebt, über ein Thema wie Rassismus zu diskutieren hatte, blieb ungeklärt.

Zurück zum Wiedergutmachungsversuch: Um Moderator Till Nassif waren diesmal die Journalistin Sheila Mysorekar vom Verein Neue deutsche Medienmacher, die Blogbetreiberin Roxanna-Lorraine Witt, der Soziologe Aladin El-Mafaalani, die Chefredakteurin des Philosophie-Magazins, Svenja Flaßpöhler, und der Radiomoderator Dominik Schollmayer versammelt. Im zweiten Teil ergänzte den Gesprächszirkel außerdem ein Aktivist namens Charles.

Lehrstunde in Sachen Rassismus

Wohl als Vertreter der sich als „lernende Instanz“ bemühenden Institution saß auch Programmdirektor Jörg Schönborn mit auf dem Podium. In einem Interview hatte er den WDR nebst des Eingeständnisses großer Versäumnisse als Vorreiter in Sachen Diversität bezeichnet. 

Die Intention der Sendung sei es nicht, den WDR reinzuwaschen, sondern dazuzulernen, sagte Moderator Nassif. Die Geladenen durften also zunächst berichteten, wie sie die Ausstrahlung der problematischen Unterhaltungssendung wahrgenommen hatten. Überraschung: keine Überraschung.

Dominik Schollmayer sagte, die Sendung habe ihm zu denken gegeben. „Es ist doch albern. Wir reden über die Veränderung des Namens einer Soße. Wo stehen wir, wenn das schon zu viel ist?“ Schnell drehte sich das Gespräch jedoch weg von der Debatte und hin zum scheinbar eigentlichen Anliegen der Sendung: Was man denn nun daraus lernen solle.

Verletzung versus Befindlichkeit

Auf die Frage Nassifs, ob direkte Konsequenzen aus der Peinlichkeit gezogen würden, ließ sich Schönborn zu einer – geplanten oder ungeplanten – Ansage hinreißen. Man wolle in allen Bereichen der Sendeanstalt zukünftig nur noch diverse Teams haben. Ein ambitioniertes Versprechen, das ihm kurzzeitig mit anerkennendem Nicken gedankt wurde. Roxanna-Lorraine Witt sprach wohl nicht nur für sich und andere Sintezze, als sie sagte: „Wir sind nicht nur kompetent für Rassismus“.

Die Rolle der naiven Provokateurin spielte derweil Svenja Flaßpöhler. Sie nutzte die Bühne, um sich von den Anwesenden über alltagsrassistische Erfahrungen aufklären zu lassen. Das war wohl auch für den „normalen“ Zuschauer, wie Nassif es später unglücklich formulierte, nicht unbequem, denn so beschaffte sie sich und dem Publikum eine Lehrstunde intersektionaler Gesellschaftskritik. Vielleicht hätte sie als Vorbereitung auf die Sendung aber auch einfach googeln können.

Als Flaßpöhler später die Kritik am ursprünglichen Titel der Sendung als „Befindlichkeit“ abtat und sich über aus ihrer Sicht „strittigere“ Fälle, wie die zuletzt entflammte Debatte um Legitimität weißer Übersetzungen von Schwarzer Poesie unterhalten wollte, zweifellos eine wichtige Debatte, zweifelhaft aber ihre Relevanz in dieser Talk-Runde, verlor sie gänzlich ihre Glaubwürdigkeit als vermeintlich naive, „normale“ Zuschauerin. Eher wirkte sie nun wie ein etwas harmloserer Thomas Gottschalk-Ersatz, die offenbar notwendige Prise weißen Affronts.

Die Sendung „Warum hat Rassismus mit uns allen zu tun?“ las sich wie ein Symptom kollektiver Verunsicherung. Das muss nichts Schlechtes sein. Ja, Hut ab vor einem Sender, der sich den eigenen Verfehlungen stellt. Doch dass eine kritische Auseinandersetzung auch auf weniger gezwungene Weise stattfinden kann, hatte die Komikerin Enissa Amani mit ihrer Replik „Die beste Instanz“ im Januar längst vorgemacht. Wieso also nicht Taten statt Worte, lieber WDR, und Amani den Sendeplatz, in wirklich allerletzter Instanz, überlassen?