Ein bärtiger Typ mit zotteligem Haar (Frederick Lau) stapft über weite Felder und sucht Arbeit bei Bauern, deren Gespräche er nicht versteht. Dabei können sie ihn durchaus verstehen, denn fast alle Luxemburger sprechen Deutsch. Warum Jens über die grüne Grenze gegangen ist, wird klar, als er seine Sporttasche versteckt: Sie steckt voller Geld aus einem Raubüberfall. Eine Schlafstatt findet der wortkarge Erntehelfer in einem Wohnwagen und bei Lucy (Vicky Krieps) – die ihn schon am ersten Abend vom Tanzsaal recht rabiat in ihr Bett zerrt. Offenbar erhofft sie sich vom Fremden eine Flucht aus dem „scheiß Kuhdorf“, wie sie es nennt. Selbst der Bürgermeister hält das Dorf in der Region Gutland für provinziell, seine Leute für simpel.

Doch Regisseur Govinda van Maele zeichnet in seinem hintergründigen Debütfilm das „Gutland“ keineswegs als bäuerliche Idylle – das flache Land steckt vielmehr voller Abgründe. Maisfelder entpuppen sich als beinahe tödliches Labyrinth, wenn der Häcksler naht. Betäubungspfeile werden keineswegs nur auf fliehende Rinder verschossen und in der Jauchegrube sollte man nicht unbedingt rühren. Der hartgesottene Räuber Jens wird erst eingehegt und eingemeindet, je regelrecht an die Kette gelegt, gezähmt wie ein Haustier. Seine Haare werden immer kürzer, der Bart wird abrasiert, schließlich sogar das Brusthaar. Und letztlich fesselt nicht nur Lucy ihn, sondern die Musik: Jens bekommt eine Trompete in die Hand gedrückt und wird Mitglied im örtlichen Blasorchester.

Von der putzigen Dorfromanze zum aberwitzigen Thriller

Wie Vicky Krieps, die ja tatsächlich aus Luxemburg stammt, aber längst in Berlin lebt, und der gewohnt bärenstarke Frederick Lau die Annäherung zwischen der zupackenden Bäuerin und dem zugelaufenen Zottel spielen, das ist wirklich unterhaltsam. Dabei wandelt sich die putzige Dorfromanze zum aberwitzigen Thriller, erst recht, als die Kumpanen von Jens (Pit Bukowski und Gerdy Zint) auftauchen.

Sehenswert sind neben den Schauspielern die absolut kinoreifen Landschaftsbilder im Breitwandformat. Kameramann Narayan van Maele, der Bruder des Regisseurs, schwenkt so langsam über ein wogendes Kornfeld, bis es immer bedrohlicher wird. Der Film bekam auf Festivals und im Heimatland viel Anerkennung und ist weitaus origineller als die allermeisten Landkrimis, die das ZDF um 20.15 Uhr zeigt und die sich meist auf die Kommissare fixieren. Auch „Gutland“, in dem die Polizisten lediglich eine Nebenrolle spielen, hätte getrost zur Hauptsendezeit ausgestrahlt werden können und nicht erst um Mitternacht auf dem Stammplatz des Kleinen Fernsehspiels – der mittlerweile obligatorische Klick in die Mediathek lohnt sich.

Gutland – Mo, 31.5., 0 Uhr im ZDF und bis zum 7.6. in der ZDF-Mediathek