Mal so gefragt: Würden Sie Ihren fünfzigsten Geburtstag von jemandem ausrichten lassen, der Sie gerade in die Scheidung gezwungen hat? Sollte diese Person Ihre Schulfreunde und Geschäftspartner an der Eingangstür Ihres Hauses begrüßen? Das Buffet eröffnen? Den Schampus ausschenken? Und schließlich auf Ihre Zukunft anstoßen, die eine Zukunft ohne Sie sein wird?

Eben. Es ist also menschlich nachvollziehbar, wenn das ZDF keine Lust hat, seine Galas zum 50. Sendergeburtstag ausgerechnet von Jörg Pilawa moderieren zu lassen, der gerade angekündigt hat, Anfang nächsten Jahres zurück zur ARD zu wechseln.

Andererseits: Wie wäre das eigentlich, wenn Ihre Schulfreunde und Geschäftspartner noch gar nicht so richtig registriert haben, dass Sie inzwischen nicht mehr in zweiter, sondern in dritter oder vierter Ehe in Scheidung leben? Dass dieser Mensch, der Ihre Freunde und Bekannten an der Eingangstür begrüßt, also gar nicht mehr derselbe ist, der vor zehn Jahren zu Ihrem Vierzigsten dort stand? Dass er oder sie eben nur dem Vorherigen oder der Vorherigen zum Verwechseln ähnlich sieht? Weil Sie Ihrem Typ treu geblieben sind. Der aber eben nicht Ihnen. Weswegen Sie jetzt mal wieder in Scheidung leben. Ist es dann nicht auch irgendwie egal, wer da (noch) an Ihrer Tür steht?

Die Gesichter der Sender

Fast zehn Jahre lang war Jörg Pilawa das Gesicht der ARD gewesen, bevor er 2010 zum ZDF wechselte. Das somit von seinem „Sendergesicht“ verlassene Erste verpflichtete kurze Zeit später Kai Pflaume, der zuvor das Gesicht von Sat.1 gewesen war. Nun also hat Jörg Pilawa erneut einen Vertrag mit der ARD geschlossen, wo man gerade Pflaumes Vertrag langfristig verlängert hat und Eckard von Hirschhausen, der während Pilawas vorübergehender Abwesenheit dessen Show „Frag doch mal die Maus“ übernommen hatte, sich inzwischen einen öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsauftragsnamen gemacht hat, während Thomas Gottschalk unter Beweis stellte, dass er doch nicht alles kann. Und dann ist da ja auch noch „Hart, aber fair“-Moderator Frank Plasberg, der sich seit 2008 im Ersten zum Jahreswechsel als Spielshowmoderator ausprobieren darf. So viele Namen, so viele Karrieren, so viele Gesichter! Kommen Sie da noch mit?

Früher war ja wirklich nicht alles besser. Aber die Ehen hielten länger, und die Gastgeber einer Unterhaltungsshow standen tatsächlich über Jahrzehnte hinweg für den Sender, in dessen Namen sie ihr Unterhaltungsversprechen ablieferten: der Kulturplauderer Kulenkampff stand für die ARD, der quirlige Hans Rosenthal für die leichte ZDF-Unterhaltung. Witz-Weltmeister Rudi Carrell haute die Gags lange im Auftrag des Ersten heraus, und machte dann bei RTL „7 Tage, 7 Köpfe“ zum Kult. Carrell war übrigens der erste, dem ein Imagetransfer gelang, und zwar, weil er nicht an (s)eine Show gebunden war, als er das System wechselte, während Thomas Gottschalk zwar schon für RTL und die ARD gearbeitet hat, aber nur mit „Wetten, dass..?“ im ZDF erfolgreich war.

Jetzt macht’s Maybrit Illner

Das ZDF hat nun entschieden, statt des scheidenden Jörg Pilawa die zugleich seriöse und glamouröse Maybrit Illner am runden Geburtstag an die Haustür zu stellen, um Freunde und Bekannte zu begrüßen. Tatsächlich ist sie eine der treusten „Gesichter“, die der Sender aufzubieten hat. 1992 gehörte sie zur Startmannschaft des ZDF-Morgenmagazin, seit 1999 leitet sie den ZDF-Polittalk, der zunächst „Berlin Mitte“ hieß, seit 2002 ist sie für ihren Sender bei den Fernsehduellen dabei. Kurzfristig moderierte sie sogar das „heute-journal“. Wo immer man sie hinstellt, macht Maybrit Illner verlässlich bella figura. Warum also sie nicht auch mal eine Geburtstagsgala machen lassen?

Auf den ersten Blick spricht eigentlich nichts dagegen. Außer vielleicht, dass es irgendwie irritierend ist, wenn die Grand Dame des Polittalks einfach die Moderationskarten von „Jörg – Ich-hätte-mir-auch-Wetten-dass-zugetraut – Pilawa in die Hand nimmt und wegmoderiert, was für einen anderen geschrieben worden ist. Auch war es ganz schön zu wissen, dass Maybrit Illner zwar beim ZDF viele Aufgaben übernimmt, aber dabei immer verlässlich im „ernsten“ Fach verortet bleibt. Dieser Tage, wo jeder jederzeit auf jedem Kanal alles moderiert, war diese (Selbst)Beschränkung ja schon fast ein Alleinstellungsmerkmal. Also letztlich das Gegenteil von Bescheidenheit. Eher ein Zeichen, dass hier jemand (noch) unersetzbar ist.