Berlin - Die Gastgeberin des „Literarischen Quartetts“ Thea Dorn weiß natürlich, dass sie mit einer Person auf ihrer Gästeliste provoziert. Es ist Lisa Eckhart, die ihr gegenüber sitzt im publikumsleeren Spiegelfoyer des Berliner Ensemble, also die Kabarettistin, an deren Auftritten sich im Sommer eine heftige Debatte über Kunstfreiheit und Provokation entzündet hatte. Hat sie die Darstellung von Juden karikiert oder ist sie selbst eine Antisemitin? Der Schriftsteller Maxim Biller, selbst von Oktober 2015 bis Dezember 2016 ständiger Gast der ZDF-Gesprächssendung über Bücher, hatte die Einladung an Eckhart scharf kritisiert.

Thea Dorn führte sie nicht als Kabarettistin ein, sondern als Schriftstellerin, die in diesem Jahr den Roman „Omama“ veröffentlich hatte, und als Germanistin, ausgewiesen durch ihre Masterarbeit über die Figur des Teufels. Oho, Frau Eckhart, deren Satire für viele die Grenze des politischen Anstands überschreitet, hat also den Teufel erforscht. Und da wundert es auch nicht, dass sie antritt, den Essay- und Interviewband des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq vorzustellen, denn auch für ihn sind Provokationen Programm.

„Man hat hier einen Künstler mit einem tiefen moralischen Bewusstsein und keinerlei Lust zu moralisieren“, sagt Lisa Eckhart über ihn, das sei selten heute. Man erwartet den Skandal, aber sie habe das Buch nicht als skandalös empfunden. „Man muss aufpassen, wenn man wird, was man spielt, sagt er.“ Das gefalle ihr. So wirkt ihr Einstieg ins Gespräch ein bisschen wie eine Antwort auf ihre Kritiker – seht, auch ich spiele eine Rolle.

Apropos Kritiker: Maxim Biller wirft dem ZDF vor, gegen den Geist des Gründers des „Literarischen Quartetts“, des jüdischen Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zu handeln. Doch mit dem ursprünglichen Charakter hat die Sendung seit der Leitung durch Thea Dorn ohnehin nichts mehr zu tun. Es war früher ein Gespräch von Literaturkritikern, neben Reich-Ranicki mit Sigrid Löffler und Hellmuth Karasek als ständigen Gästen, lange Zeit auch Iris Radisch. Seit 2017 lädt Thea Dorn lieber Schriftsteller und Schauspieler zum Talk über Bücher. Was durchaus seinen Unterhaltungswert hat, aber vom Maßstab in den Beurteilungen nicht der einstigen Sendungsidee entsprechen kann. Heikel ist dabei mindestens, dass Kollegen über Kollegen sprechen: Sie konkurrieren um die Leser, die ihnen zuschauen.

Der überzeugendste Gast war Ulrich Matthes

Diesmal war auch Andrea Petkovic zu Gast, die nicht nur eine berühmte Tennisspielerin ist, sondern kürzlich einen klug gebauten Erzählungsband vorgelegt hat, der ihren Sinn für Sprache und Timing zeigt: „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“. Sie stellt Don DeLillos „Die Stille“ vor, beschreibt den großen Amerikaner als Helden ihres Leserin-Lebens. Als die Mitdiskutanten sie der Ungenauigkeit überführen, als sie behauptet, Corona käme im Buch nicht vor, reagiert Andrea Petkovic mit komödiantischer Selbstbezichtigung, ihre Karriere beim „Literarischen Quartett“ wäre schon wieder vorbei. Kurioserweise übertrumpften sich die Teilnehmer gleich darauf darin, ob und wo es eine Sexszene im Buch gegeben habe. Im Flugzeugklo! Nein auf der Toilette des Flughafengebäudes! Nun, sie lagen alle falsch. Don DeLillo schickt seine Figuren nach der Bruchlandung in ein Krankenhaus zur Untersuchung. In einer Kliniktoilette feiern sie mit einem schnellen Akt ihr Überleben.

Der überzeugendste Gast dieses Freitagabends war Ulrich Matthes, kein Autor also, sondern Schauspieler und Präsident der Deutschen Filmakademie. Don DeLillos Bändchen feiert er als großen „Wurf“, lobt die knappen Charakterisierungen der Personen, die Hinführung auf eine „unerhörte Begebenheit“ und den Humor. Auch bei Houellebecqs, dessen Romane er schätze, zeigt er sich als genauer Leser. Angesichts von dessen neuen Buch „Ein bisschen schlechter“ fragte er: „Ist es noch konservativ oder schon reaktionär?“ Er ging in seiner Analyse hier über das Inhaltliche hinaus und urteilte methodisch: „Er hat mich gelangweilt, weil die Provokationen so schnell als solche erkennbar sind. Ich fühle mich lahmarschig gestreichelt.“

Die Klasse von Matthes als Kritiker zeigte sich besonders beim Gespräch über den Roman „Es wird wieder Tag“ von Minka Pradelski. Das Thema des Buches hat es Thea Dorn und Andrea Petkovic angetan: Ein Paar, das den Holocaust überlebt hat und sich deshalb angesichts der Millionen Toten schuldig fühlt, bekommt das erste jüdische Kind nach Kriegsende. Thea Dorn ist hingerissen davon, wie dieses Baby im ersten Kapitel spricht, aber Ulrich Matthes verzweifelt regelrecht an ihrer Begeisterung. Angesichts des erstarkenden Antisemitismus, angesichts der Tatsache, dass die AfD im Bundestag sitze, falle es ihm so schwer, dieses Buch, das ein wichtiges Thema habe, zu kritisieren. Er sei entschlossen gewesen, das Buch gut zu finden. Doch die Sprache sei dem Sujet nicht gewachsen. „Vertüdelt und betulich“ sei der Roman geschrieben, der „inflationäre Gebrauch von Adjektiven“ bewirkte den „Eindruck eines Schmökers“.

Da zeigt sich die Gastgeberin leider nun wirklich nicht als würdige Nachfolgerin von Marcel Reich-Ranicki. Denn sie erklärt: „Ich würde jetzt auch nicht sagen, dass der Thomas-Mann-Preis für Großstilistik an Minka Pradelski zu vergeben ist.“ Und: „Es ist nicht stilistisch der Höhepunkt der Literaturgeschichte.“ Aber das störe sie nicht, denn sie findet eine unglaubliche Wahrhaftigkeit darin. Matthes hält ihr entgegen: „Wir alle lesen doch Bücher nicht nur als Bücher, weil sie uns inhaltlich was zu sagen haben!“

Das „Literarische Quartett“, in der ZDF-Mediathek noch abrufbar, hat in vielerlei Hinsicht heute andere Maßstäbe als in seinen Gründerjahren. Es ist durchaus noch ein Gespräch über Bücher; Literaturkritik wie Reich-Ranicki, Löffler und Karasek sie verstanden, spielt kaum noch eine Rolle mehr.