Buenos Aires - Wochenlang hatte man nichts von ihr gehört, ihre Angehörigen lebten in ständiger Ungewissheit. Und die dauerte Jahrzehnte an. Erst 2003 kam die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth, die in ihrem Fall ermittelte, zu der endgültigen Erkenntnis über das, was 1977 in Argentinien passiert war. „Elisabeth Käsemann wurde mit angelegten Handschellen und einer Kapuze über dem Kopf in den Ort Monte Grande bei Buenos Aires transportiert und dort unter Ausnutzung ihrer Arg- und Wehrlosigkeit durch Schüsse in Genick und Rücken aus unmittelbarer Nähe getötet“, hieß es in einer Erklärung.

Damit war endgültig klar, dass Elisabeth Käsemann, zum Zeitpunkt ihres Todes gerade mal 30 Jahre alt, der argentinischen Militärdiktatur zum Opfer fiel, die das südamerikanische Land von 1976 bis 1983 regierte. „Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?“ heißt die Doku von Eric Friedler (ARD, 22.45 Uhr), die versucht, einige Ungereimtheiten zu klären, die mit dem Schicksal von Elisabeth Käsemann verbunden sind.

Engagement als Sozialarbeiterin

Seit Anfang der 70er Jahre studierte sie in Buenos Aires, engagierte sich neben ihrem Studium als Sozialarbeiterin in den Armenvierteln der Hauptstadt, geriet so ins Visier der Militärs und wurde im März 1977 von der Junta verschleppt. Dass in Argentinien eine Diktatur regierte, war den Politikern der Bonner Republik hinlänglich bekannt – im Vorfeld der Fußball-WM 1978 legte sich die westdeutsche Regierung aber lieber nicht mit dem Ausrichterland an, sondern dachte eher in Finanzzusammenhängen und sah beim Wirtschaftspartner von Interventionen ab.

Die Rolle, die das Auswärtige Amt unter Leitung von Hans-Dietrich Genscher damals spielte, ist bis heute nebulös; die Vorwürfe, dass die Regierung nach der Verschleppung von Käsemann nicht genug für ihre Freilassung getan hat und wirtschaftliche Interessen über die Einhaltung der Menschenrechte stellte, halten sich bis heute.

In Eric Friedlers Doku äußern sich Politiker, die damals in verantwortlicher Position wirkten wie Ex-Staatsministerin Hildegard Hamm-Brücher; außerdem kommen Karl-Heinz Rummenigge (der im 78er-WM-Aufgebot stand) und Paul Breitner (der seinerzeit als des links denkender Fußballer galt) sowie Überlebende der Junta zu Wort.

Wie politisch respektive unpolitisch im Zusammenhang mit Sport gedacht und gehandelt wurde, konnte man dann 1978, gerade mal ein Jahr nach Elisabeth Käsemanns Ermordung, während des WM-Turniers sehen. Hermann Neuberger, seinerzeit DFB-Präsident, schämte sich nicht, den ehemaligen Wehrmachtsoffizier und späteren NS-Fluchthelfer Hans-Ulrich Rudel im Quartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu empfangen. Und Berti Vogts, damals Kapitän des deutschen Teams, sprach lobend von Argentinien als „Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen“.