TV-Tipp „Die Frau aus dem Moor“: Das Unglück wartet in der Provinz

Es beginnt mit einem Mord, aber ein Krimi ist es nicht. Das Drama ereignete sich 1861, aber ein Kostümschinken ist es auch nicht. „Die Frau aus dem Moor“ ist ein Fernsehfilm, aber die Autorin Ariela Bogenberger erzählt ihre Geschichte nicht fürs Zapping-Zeitalter, sondern als säße man am Kaminfeuer. Und Regisseur Christoph Stark macht mit seinen virtuosen Bildwelten glauben, er drehe für die Kinoleinwand.

So ist ein Film entstanden, der sich den Üblichkeiten des Fernsehen entzieht, indem er sie für seine Zwecke benutzt: Da gibt es den sensiblen Architekten (Florian Stetter), den es in die bayerische Provinz verschlagen hat, wo ihm die Liebe zu seiner Frau (Anja Antonowicz) irgendwann abhanden kam. So weit, so Fernsehen. Da zeigt die suggestive Kamera von Frank Blau gleich zu Beginn des Films, wie eine junge Mutter (Rosalie Thomass) mit einem Axthieb erschlagen wird.

Die beiden Zeitebenen, mehr als hundert Jahr voneinander entfernt, verbinden sich mit einem simplen dramaturgischen Kunstgriff: Der Architekt findet die Moorleiche beim Baden. Wie sich herausstellt, war die Tote seine Urgroßmutter. Aber die Suche nach der Identität der Frau aus dem Moor ist in Wahrheit sein eigener Selbstvergewisserungsprozess: Warum bin ich hier? Was treibt mich an? Wer hält mich fest?

Dilemma der Nachfahren

In rasant kurzen Rückblenden wird der Lebensentwurf der Toten aufgeblättert: Ihre Vernunftehe mit dem Bauern aus dem Nachbarort bleibt unglücklich. Sie mag nicht, wenn er sie berührt. Dafür blüht Anna, die als einzige aus dem Dorf lesen und schreiben kann, jedes Mal auf, wenn sie den jungen Thanner trifft. Die verbotene Liebe wird zum Lebenselexier, sie denkt nun das Unerhörte: Aufbruch! Amerika!

Wie in einer Parabel spiegelt sich in der Geschichte der Anna das Dilemma ihrer Nachfahren: Matthias und seine Frau hatten eine glückliche Zeit in den USA, die Rückkehr in die bayerische Heimat erweist sich als Fehler. Matthias entzieht sich seinen ehelichen Pflichten, indem er nachts Häuser entwirft, die niemand bauen wird.

Der Film erlaubt sich viele solcher Verbindungen: Je mehr sich das Schicksal der Anna Wimmer durch die Tagebucheinträge des Dorfpfarrers entschlüsselt, desto ähnlicher wird der Architekt Matthias dem Schreiber der historischen Zeilen. Die Kamera unterstützt diese Identifikation mit manch schöner Überblendung über die Jahrhunderte hinweg. Wie der Pfarrer damals, ist heute der Lokaljournalist der Chronikschreiber seiner Zeit.

Während die Tagebuchnotizen des Pfarrers immer schütterer werden, geraten die Schilderungen der „tragischen Moorleich’“ von Artikel zu Artikel pompöser. Thomas Schmauser spielt den Provinzreporter mit großer Freude am Sartyrspiel und bildet damit das Gegenstück zum Dorfwirt Anton (Jockel Tschiersch), der als einziger niemand anders und nirgendwo anders sein möchte. Und also als einziger in diesem poetischen Film ein wirklich glücklicher Mensch ist.

Die Frau aus dem Moor, Montag (6.10.2014), 20.15 Uhr, ZDF