TV-Tipp: Jeder Film ist eine einzige Zumutung

Seit knapp drei Jahren steht Beate Zschäpe in München vor Gericht. Seit mehr als fünf Jahren ist bekannt, dass Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe aus der Illegalität heraus Menschen ermordeten, Banken überfielen und zwischendurch auch mal Urlaub machten, ohne dass ihnen die Ermittler auf die Spur kamen. Seit dem 11. September 2000 ist Enver Simsek tot. Er war das erste Opfer des NSU, und seine Familie war das erste Opfer einer ignoranten Polizei, die den politischen Hintergrund der Mordserie bis zum Schluss nicht sehen wollte oder konnte.

Bis heute sind die genauen Umstände, unter denen diese Taten begangen wurden, nicht vollends aufgeklärt. Vieles wird zurückgehalten, weil der Verfassungsschutz Quellen schützen will. Vieles könnte Beate Zschäpe erklären, wenn sie rückhaltlos aussagen würde. Der NSU-Komplex ist immer noch ein offener Prozess – nicht nur in München vor dem Oberlandesgericht. Auch im gesellschaftlichen Kontext. Die zentrale Frage lautet: Wie konnte mitten in unserer offenen Gesellschaft so etwas geschehen? Darauf gibt es keine einfachen Antworten.

Radikale Perspektiven

Der Dreiteiler „Mitten in Deutschland: NSU“ ist deshalb auch keine einfache Geschichte. Im Gegenteil! Ganz absichtsvoll ist jeder einzelne der hervorragenden Fernsehfilme eine einzige Zumutung, weil sie das komplexe Geschehen jeweils radikal aus einer Perspektive betrachten: Die Täter, die Opfer, die Ermittler. Und es ist eine großartige und im wahrsten Sinne Demokratie bildende Leistung der ARD, diese Filme ohne Rücksicht auf mögliche Quotenverluste auf den Weg gebracht zu haben.

Namhafte Künstler haben sich in den Dienst dieser Sache gestellt: Der Regisseur Christian Schwochow („Der Turm“), der mit dem Mauerfall von Ost- nach Westdeutschland zog, und der Schriftsteller Thomas Wendrich, gebürtiger Dresdner denken im ersten Teil darüber nach, wie in den Wendejahren aus den Jugendlichen in Jena die Rechtsradikalen des NSU werden konnten.

Der Regisseur Züli Aladag und die Szenaristin Laila Stieler nehmen sodann mit aller emotionalen Einfühlung die Perspektive der Familie Simsek ein, die gleich zweimal zerbricht, erst an der Ermordung des Vaters und Ehemanns, dann an den Unterstellungen der Polizei, das Opfer sei selbst ein Täter gewesen. Und Rolf Basedow, Autor herausragender Polizeifilme, geht gemeinsam mit Regisseur Florian Cossen schließlich der Frage nach, ob die Polizei überhaupt an einer Aufklärung interessiert gewesen ist.

Teenager wird zur Nazibraut

In der vergangenen Woche machte der Beitrag „Heute ist nicht aller Tage“ (zu sehen in der Mediathek) die Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes vertraut mit den Tätern, indem er sie als Teenager zeigt, die zwischen Mauerfall und Währungsunion alle Sicherheit verlieren und alle Freiheit gewinnen – und damit nicht klar kommen. Es wird manchen geben, der sich dieser Perspektive verweigert: Darf man Mitleid haben mit dieser zerbrechlichen Beate? Anna Maria Mühe spielt sie wie einen Menschen, den man gern haben kann: rotzig und agil.

Nicht haltlos, sondern auf der Suche nach Halt. Nicht verloren, sondern auf der Suche und Geborgenheit. Mit dem zunächst losen Kontakt zu den beiden Uwes, wuchtig und auf irritierende Weise nachvollziehbar verkörpert von Albrecht Schuch (Mundlos) und Sebastian Urzendowsky (Bönhardt), verändert sich das Mädchen, wird zur Nazibraut. Die Fiction muss ihre Helden lieben, sonst funktioniert der Film nicht. Und so schaut man dem Trio dabei zu, wie aus den Kindern Leute und aus den Nichtsnutzen Neonazis wird. Und stellt fest: Dies geschieht wirklich mitten unter uns.

Gefährliche Mehrheitsgesellschaft

Auch die Perspektive der Opfer konsequent einzunehmen, ist für Züli Aladag und Laila Stieler nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint: Der Zuschauer muss eine weitere Rochade hinnehmen. Die Deutschen sind nun die Fremden und die türkische Community ist die Familie. Wird das überwiegend deutsche Publikum da mitgehen?

Die Inszenierung von Züli Aladag, zu sehen an diesem Montag um 20.15 Uhr im Ersten,  ist so emotional, dass alsbald die Sprachbarriere übersprungen ist. Die Mehrheitsgesellschaft wird hier zur Gefahr, das Deutschland der Opfer ist das Land der Willkürmorde. Am Ende der Trilogie steht der Film, mit dessen Geschehen die Geschichte noch einmal von vorn begann. Ein Wohnwagen fliegt in die Luft, zwei lange gesuchte Männer haben Suizid begangen. „Nur für den Dienstgebrauch“ (zu sehen am Mittwoch, 6.4., 20.15 Uhr) ist in seinen Mitteln vielleicht der gewöhnlichste Film, in seiner Botschaft jedoch der radikalste. Allen drei Beiträgen ist zu wünschen, dass sie ihr Ziel erreichen: Unruhe zu stiften.