BerlinEine grauhaarige Alte (Iris Berben) hat sich nach einem Todesfall auf ihrem Gehöft eingeschlossen. Dem Nachbarn (Peter Kurth), der ihr einen Eimer Suppe vor die Tür stellt, öffnet sie nicht. Auch die Nichte (Svenja Liesau), die samt Kind vor ihrer Tür steht und um Aufnahme bittet, wird schroff abgewiesen. Dann zielt die einsame Alte mit einer Flinte auf einen Greis, der wie ein Geist zwischen Obstbäumen entlangschlurft.

Ungewohnte Bilder auf einem Sendeplatz, an dem das ZDF als Alternative zum „Tatort“ sonst Melodramen nach den Büchern von Katie Fjorde, Inga Lindström und Rosamunde Pilcher zeigt. „Altes Land“ erzählt ganz anders, arbeitet mit vier Zeitebenen von 1945 bis ins Heute und kann mit einer Top-Besetzung aufwarten. Iris Berben, Karoline Eichhorn und Nina Kunzendorf, Peter Kurth und Milan Peschel durfte man kaum im ZDF-Sonntagsfilm erwarten, und Regisseurin Sherry Hormann ist für politisch relevante Stoffe bekannt – wie etwa „Nur eine Frau“ über Hatun Sürücü.

Der Konflikt eskaliert schnell

Literarische Basis ist der gleichnamige Bestseller. „Altes Land“ war schon bei Dörte Hansen nicht nur eine idyllische Obstgegend bei Hamburg, sondern fragte nach Heimat. „Altes Land“ kann ebenso traditionelles und ererbtes Land bedeuten wie das verlorene Land der Vertriebenen. Das Zentrum des Zweiteilers ist der Hof der Eckhoffs. Hofchefin Ida (Karoline Eichhorn) muss 1945 widerstrebend Flüchtlinge aus dem Osten aufnehmen, beschimpft die junge Mutter mit Tochter erst als „Polacken“ und verhöhnt sie dann, als sie sieht, dass Hildegard von Kamcke (Birte Schnöink) eine Adlige ist.

Eine adlige Herkunft scheint bei Romanen und TV-Dramen zum Thema „Vertreibung aus Ostpreußen“ offenbar Standard zu sein – zeigt sie doch die größtmögliche Fallhöhe der Flüchtlinge. Für deren Entbehrungen findet der Filme beredte Bilder: Die Mutter melkt nachts heimlich eine Kuh für eine Tasse Milch, die Tochter Vera steckt sich unterm Tisch Brotkrümel in den Mund, als wären es Pralinen. Der Konflikt zwischen den beiden Frauen eskaliert, als sich Hildegard den zurückgekehrten, jüngeren Hoferben schnappt und heiratet. Karl Eckhoff (erst von Kilian Land, dann von Milan Peschel gespielt) ist physisch wie psychisch schwer angeschlagen.

Die Nachkriegsjahre waren eine Wolfszeit

Die Geschichte wird nicht konventionell-chronologisch erzählt, sondern erschließt sich nach und nach durch Einschübe und Rückblicke. Etwas vermessen wirkt es, wie Buch und Film die dramatische Flüchtlingsgeschichte von Hildegard und Tochter anno 1945 mit der Sinnsuche von Anne samt Sohn anno 2019 vergleichen. Denn die junge Frau musste ja weder ein erfrorenes Kleinkind zurücklassen noch Hunger leiden, sondern ist beim treulosen Kindsvater (Jakob Matschenz) ausgezogen und klopft nun bei der Tante Vera an – die selbst als Kind mit ihrer Mutter auf dem Hof ein Obdach gefunden hatte. Svenja Liesau gibt Anne aber viel sympathischen Schwung.

Die Erzählweise lässt bewusst viele Lücken und gibt dem Zuschauer die Chance, sich selbst auszumalen, dabei eigene Urteile zu fällen – anders bei dem Prinzip Malen-nach-Zahlen bei Pilcher und Co., die vom ZDF als „frauen-affin“ beworben werden. Im „Alten Land“ sind die Frauen wirklich das starke Geschlecht – und fällen harte, ja brutale Entscheidungen. So verlässt Hildegard nicht nur den maladen Mann und den Hof, sondern sogar die Tochter Vera – um zu einem reichen Mann zu wechseln, in dessen Villa sie keine Äpfel ernten muss, sondern Klavier spielen kann. Da schwelgt „Altes Land“ nicht in der Wirtschaftswunder-Seligkeit, sondern erinnert daran, dass die frühen 50er-Jahre eine „Wolfszeit“ waren – unter diesem Titel hatte Harald Jähner, früher Kulturchef dieser Zeitung, diese Jahre beschrieben.

So spannend wie ein Tatort

Iris Berben und Nina Kunzendorf liefern sich als ungleiche Halbschwestern kurze, scharfe Duelle, schreien sich auch mal an – ansonsten sind solche Szenen selten. Viel stärker arbeitet Regisseurin Hormann mit dem Nichtgesagten und knappen, oft zwanghaften Handlungen. So schneidet Veras Nachbar Hinni (Peter Kurth) die Rasenkante mit der Schere, Vera hackt wie besessen Holz.

Die immer wieder verpasste Beziehung der beiden, die seit 75 Jahren Haus an Haus wohnen, ist eine anrührende Romanze, gerade weil sie Iris Berben und Peter Kurth so reduziert spielen. Richtig schuften mussten die Maskenbildner, die die beiden mal als 60-Jährige, mal als 80-Jährige zeigen. Milan Peschel, der in drei Stunden keine zwanzig Sätze spricht, ist gar in drei Zeitebenen unterwegs – Mitte 30, Mitte 70 und schließlich Mitte 90 – und ist selbst als Greis unverkennbar Milan Peschel. Das alles bleibt fast so spannend wie ein „Tatort“ – und die Kollision am Sonntagabend ist ja im Zeitalter der Mediatheken kein Problem mehr.

Altes Land – am So/Mo, 15./16.11. um 20.15 Uhr im ZDF, ab Sa., 14.11., in der ZDF Mediathek.