Ab Montag marschieren im RTL-Mittagsmagazin niedersächsische Schüler im FDJ-Blauhemd durch Sachsen und erleben, wie cool der Gleichschritt sein kann. Auf ProSieben interessiert sich „Galileo“-Moderator Aiman Abdallah plötzlich für die Abrafaxe und den Broiler, und überall ertönen die Songs von den Puhdys, von City und Renft.

In der Woche bis zum 25. Jahrestag des Mauerfalls sind die DDR und das „Schicksalsjahr“ 1989 Dauerthema auf fast allen Kanälen. Der Sonntag wird von RBB und Phoenix komplett mit dem Thema Mauerfall bestritten. Doch lässt sich dem historischen Ereignis, dass schon zu jedem runden Jubiläum ausgiebig beleuchtet worden war, heute überhaupt noch Neues abgewinnen?

Die Standard-Variante nach dem Motto „Wahnsinn – die Mauer ist weg!“ wird tatsächlich neu aufgelegt. Etwa in der ARD-Doku „Die Nacht des Mauerfalls“ (Mi, 21.45 Uhr), die den Weg der ersten Mauerstürmer über den Grenzübergang Bornholmer Straße abfeiert. Das kann man sich, so wie zu Silvester das „Dinner For One“, immer wieder anschauen.

Im Überschwang der Gefühle wird die Brücke gen Westen hartnäckig „Bornholmer Brücke“ genannt – eigentlich heißt sie ja Bösebrücke. Nicht nur emotional, sondern vor allem viel komischer und origineller ist der ARD-Spielfilm „Bornholmer Straße“ (Mi, 20.15), der die Maueröffnung aus Sicht der allein gelassenen Grenzer schildert. Charly Hübner als Oberstleutnant mit Bauchgrimmen – das ist großes Kino!

Was war 1989 in der DDR so los?

Den „Wahnsinn“ im Titel trägt schon die ZDF-Doku „Wahnsinn. Wie die Mauer fiel“ (Di, 20.30). Hier fragt die Sängerin Josephin Busch, die im Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ schon über 800 Mal den Mauerfall gespielt hat, ganz unbefangen, was anno 1989 in der DDR so los war. Die Doku rattert im Zeitraffer die Ereignisse von Mai bis November 89 herunter, versucht sie im Comic-Stil aufzubereiten und verfällt dabei ins Holzschnittartige.

Mitunter hat man den Eindruck, dass man beim ZDF unter „History“ eher Hysterie versteht. So wird suggeriert, dass die Stasi, die als Monsterkrake gezeichnet wird, noch viel schlimmer als die Gestapo war. Denn sie hatte laut ZDF-Statistik auf 180 Einwohner einen Hauptamtlichen angesetzt, während ein Gestapo-Mann auf 8500 Deutsche kam.

An Geschichtsklitterung grenzt auch die Darstellung der Demonstration vom 4. November. Marianne Birthler will weismachen, Gregor Gysi wäre hier, genauso wie Günter Schabowski und Markus Wolf, als Vertreter des SED-Regimes ausgepfiffen worden. Da lohnt sich zügiges Umschalten zur RBB-Doku „Aufbruch im November“ (Di, 21.00), die wesentlich ausgewogener, aus dem historischen Moment heraus, auf die größte Demonstration der DDR-Geschichte blickt.

Hier erfährt man, wer überhaupt die Anregung der Demo hatte – nämlich kein anderer als Anwalt Gysi, der Berliner Theaterleuten den Tipp gab, einfach mal eine legale Demo anzumelden. Wer sich Gysis kompletten Auftritt auf CD noch mal anhört, findet zwar vereinzelte Pfiffe, als er die führende Rolle der Partei verteidigt und für Egon Krenz wirbt. Doch für seine Forderung nach neuen politischen Strukturen, einem Rechtsstaat und einem Telefon für jeden bekam er damals, anders als Schabowski und Wolf, sehr viel Beifall.

„Die Ostdeutschen“: Was von den Hoffnungen übrig blieb

Eine neue Perspektive auf die Grenzöffnung findet die RBB-Reihe „Die Ostdeutschen“ (Mo-Fr, 22.15). Leser der Berliner Zeitung kennen die meisten Helden bereits aus der gleichnamigen Porträt-Serie. Fünf Tage lang zeigen jeweils fünf Porträts, wie sich die Ostdeutschen seit 1989 behaupteten, was von den Hoffnungen des Jahres 1989 übrig blieb. Die Geschichten bieten alle Varianten vom Aufbruch bis Verlust von Arbeitsplatz und Heimat, verbreiten aber immer Hoffnung.

Echte Entdeckungen bietet auch die Arte-Doku „1989 – Poker am Todeszaun“ (So, 22.10). Sie blickt aus der Sicht der wirklichen Maueröffners auf die Historie: Ungarns Ministerpräsident Miklos Nemeth. Mit ungewöhnlichen Methoden – so werden Politiker nach Originalprotokollen nachsynchronisiert – zeigt der dänische Regisseur Anders Ostergaard, wie sich Nemeth gegen die Hardliner seiner Partei durchsetzte, dank der Rückendeckung durch Gorbatschow.

Unmittelbar vor der Arte-Doku, während der RBB live vom Brandenburger Tor und von der Bornholmer Straße berichtet, läuft im ZDF das Stasidrama „Zwischen den Zeiten“ (So, 20.15). Eine Ingenieurin (Sophie von Kessel) entdeckt beim Zusammenpuzzeln von Stasiakten auf einem Foto einen Jugendfreund aus dem Osten, den sie nach einer kurzen Liebesaffäre einst an der Flucht gehindert hatte.

Getreu den Regeln des „Herzkinos“ entpuppt der sich als Vater ihres Sohnes – dann aber auch als IM der Stasi, der an geheimen Forschungen zur Verstrahlung von Dissidenten beteiligt war. Dieser Mix aus Romanze und Stasi-Thriller funktioniert nie, ist weder bewegend noch spannend. Zumindest der Berliner aber hat am Sonntagabend eine gute Alternative: Raus auf die Straße und ran an die Mauer – wie einst vor 25 Jahren.