Typografie-Poster in der Wohnung: Ein Hauch von Weisheit an der Wand

Im Büro der Bloggerin Jessica Weiß lehnt ein gerahmtes Poster auf einer Kommode: „On a bad day there is always lipstick“ steht in serifenlosen Druckbuchstaben darauf, darüber ist ein hochgedrehter Lippenstift gezeichnet, der – so das Versprechen – jeden noch so blöden Alltag verschönert. Im Haus der Onlineshop-Betreiberin Nadine Thomsen gibt ein Druck an der Küchenwand Morgenmuffeln folgende Aufraff-Botschaft mit auf den Weg: „Make today absolutely amazing.“ In der Wohnung der Autorin Stefanie Luxat klebt ein Poster mit den Zeilen „Please excuse the mess. We live here“, die – wenn Leben Unordnung mit sich bringt – jeden Messie erfreuen dürften.

Zufall? Keineswegs. Scrollt man durch die einschlägigen Wohnblogs und Online-Magazine oder durch die Feeds von sozialen Medien, entdeckt man sie in jeder zweiten abgebildeten Bude: Wer etwas auf sich hält, hat ein Poster hängen, das den Wohnraum nicht nur optisch ziert, sondern gleich noch eine Lebensweisheit parat hat. Manche davon behaupten „Life is a beach“ oder gestehen, man habe „More issues than Vogue“, was nach einem recht komplizierten Charakter klingt. Schlichteren Gemütern wird gern „Paradise is now“ versprochen.

Nun sind Poster an sich nicht gerade eine Neuerfindung. Nur waren sie lange Zeit Teenagern vorbehalten. Die tapezieren ihre eigenen vier Wände seit Erfindung des Jugendzimmers fröhlich mit Pferdepostern, Fußballfan-Artikeln, Bravo-Starschnitten – als es die noch gab –, Bandpostern, groß kopierten Sonnenuntergängen oder Ähnlichem. Egal, ob es sich dabei jedoch lediglich um erste Gehversuche in Sachen Inneneinrichtung und ästhetischer Abnabelung von den Eltern oder tatsächlich um identitätsstiftende Devotionalien einer bestimmten Jugendkultur handelt: Besonders stilvoll sieht das Ergebnis adoleszenter Wandgestaltung selten aus.

Zwischen Naivität und Optimismus

Die derzeit so beliebten Grafikposter teilen mit jener zum Glück gerade mal den Werkstoff Papier, und selbst das stimmt nur bedingt: Gedruckt sind die pittoresken Buchstabenbilder in der Regel auf hochwertigem 120- bis 200-Gramm-Papier oder gleich auf Leinwand. Manche sind in schlichten Schriftarten gehalten, andere sehen aus, als seien sie mit einer klapprigen Schreibmaschine gedruckt worden, bei wieder anderen sind die Buchstaben sorgsam mit der Hand geschrieben, was dann bestenfalls sogar so wirkt, als habe der oder die Besitzer/in es selbst spontan hingekritzelt.

Aber was ist denn nun davon zu halten, wenn sich ausgewachsene Frauen und Männer Slogans an die Wand hängen, deren mitunter recht unverhohlene Naivität man wohlwollend vielleicht noch als charmant bezeichnen könnte? Leider gibt es ja durchaus Widrigkeiten im Leben und erst recht in der Welt, gegen die so ein bisschen Rot auf den Lippen wenig auszurichten vermag. Andererseits ist ein wenig Optimismus gewürzt mit selbstironischem Augenzwinkern ja nicht per se etwas Schlechtes, und wenn man so gleichzeitig noch eine langweilige weiße Wand aufhübschen kann und sich ein Foto davon gut auf Instagram macht? Eben.

Vor allem Letzteres scheint entscheidend zu sein. Vorbei die Zeiten trauter Zurückgezogenheit in der Wohnung, die Walter Benjamin einst als „Etui des Privatmannes“ beschrieb. Persönliche Schätze werden fotografiert, hochgeladen und dann – hoffentlich – auch kräftig geliket. Die Poster, die in harmlos originelle Worte fassen, wie man sich fühlt oder fühlen möchte, eignen sich für diese Form der Selbstinszenierung geradezu perfekt, und dank Twitter sind wir auf diese Art verknappter Kommunikation ja bestens konditioniert.

Verantwortlich für die Verbreitung der Wandbilder ist unter anderem Lea Lange. Sie gründete gemeinsam mit Marc Pohl und Sebastian Hasebrink das Start-up Juniqe, einen Online-Shop für urbane Kunst gedruckt auf Papier, Leinwand, Textil und allerlei anderem Material. Mit Erfolg. Heute arbeiten dort bereits rund 40 Mitarbeiter inklusive Praktikanten, Tendenz steigend. Bald soll es zusätzlich zur deutschen auch eine englische und eine französische Website geben.

Entscheidend ist der Text

Typografische Drucke gehörten zu den Bestsellern im Programm, am besten verkauften sich solche mit Sinn für Humor, sagt Lange und zitiert einen ihrer Künstler, Sinan Saydik, der die heiteren Sprüche als „Konfetti für die Seele“ bezeichnet. Bei Saydik selbst steht da zum Beispiel „I’m sorry for what I said when I was hungry“, quasi als Vorab-Entschuldigung, wenn man mal aus Versehen etwas Böses von sich gegeben hat.

Provokantere Botschaften – bei Juniqe ist dafür unter anderem Wasted Rita zuständig – würden zwar auch viel geklickt, aber weniger gekauft. Sehr gut laufe hingegen alles Motivierende, wie etwa das Holstee-Manifesto, verfasst von drei jungen Gründern eines Öko-Labels aus New York, das sich wie die Kurzfassung eines Selbsthilfebuchs liest oder andersherum formuliert: „wie ‚Do what you love‘, nur länger“, so Lange.

Klassischerweise hängt man sich so etwas als Durchhalteparole über den Schreibtisch, ganz im Sinne der Poster, die vor allem im angloamerikanischen Raum in Schulen und Büros zu mehr Arbeitsleistung anspornen sollen. So oder so: Entscheidend sei primär der Text, der einen spontan überzeugen müsse. Erst dann schaue man, ob auch Typo und Farbe gefallen.

„Diese Poster sind ein simples Tool, das, was man denkt, oder was man will, darzustellen“, glaubt auch die Gründerin. Alles klar und einfach, für jeden zugänglich, eben das Wort an sich. In den 90ern trug man es auf dem ironischen Shirt, heute eben an der Wand. „Wenn man es anschaut, weiß man sofort, ob es zu einem spricht oder nicht.“ Es ist ein Impuls: Sehen – Lesen – Kaufen. Altbekanntes wie „Carpe Diem“ ist dafür übrigens schon viel zu sehr Mainstream, auch wenn die Botschaft die gleiche sein mag.

Vielleicht liegt das ja an der Sprache. Die meisten der Slogans sind englisch. Und das, obwohl die deutsche Sprache beim Thema Wohnen den passenden Subtext zur Selbstdarstellung mitliefert: Interessanterweise setzt das englische „to live“ das Wohnen mit dem Leben gleich, während das deutsche „wohnen“ etymologisch ganz andere Wurzeln hat: Es stammt von dem althochdeutschen „wonên“ ab, was so viel wie „gern haben“ oder „nach etwas trachten“ bedeutete. Amazing, oder?